I N H A L T
 
Was war passiert?
Was versteht man unter
     dem islamischen
     Bilderverbot?
Was wäre rechtens?

 
Blas­phe­misch, kri­mi­nell, rück­sichts­los, ge­schmack­los, pein­lich ... sol­cherart ha­ben Po­li­ti­ker und Re­li­gions­füh­rer in al­ler Welt die zwölf am 30. Sep­tem­ber 2005 in der dä­ni­schen Ta­ges­zei­tung Jyl­lands-Po­sten ab­ge­druck­ten Zeich­nun­gen über den Pro­phe­ten Mo­ham­med apo­stro­phiert.

Ir­gend­wie schei­nen mir die­se Be­ur­tei­lun­gen nicht zum Kern des Ge­sche­he­nen vor­zu­drin­gen. An­dern­falls hät­ten wir näm­lich auch Stim­men der Freu­de und Er­leich­te­rung da­rüber ge­hört.

Kurz ge­fasst: Ich fin­de es nun ein­mal sym­pa­thi­scher, ei­nan­der mit Ka­ri­ka­tu­ren zu tref­fen als mit Schwer­me­tall. Und wenn je­mand sagt, dass die Ka­ri­ka­tu­ren ja den Blei­ge­halt in der Luft ver­mehrt ha­ben, stel­le ich das schlicht­weg in Ab­re­de. Nicht die Ka­ri­ka­tu­ren wa­ren das.

Der als Ge­gen­maß­nah­me im Iran aus­ge­schrie­be­ne Ka­ri­ka­tu­ren­wett­be­werb1 in­di­ziert doch ein­deu­tig, dass es auch Mus­li­me reizt, je­man­den zeich­ne­risch aufs Korn zu neh­men - ei­ne zwei­fels­frei zi­vi­li­sier­te­re und kre­a­ti­ve­re Am­bi­tion als das Ex­plo­die­ren­lassen von Spreng­kör­pern oder das Drech­seln von Hass­pre­dig­ten.

Um je­man­den tref­fend zu zeich­nen - und sei es auch zum Spott - muss man ihn doch ei­ni­ger­ma­ßen gut ken­nen. Ka­ri­ka­tu­ren in­ve­stie­ren al­so in das ge­gen­sei­ti­ge Ken­nen­ler­nen.

So­dann drückt die Ka­ri­ka­tur aus, wie der Zeich­ner den an­de­ren sieht, und zwar als Ich-Botschaft: "Ich neh­me dich so wahr ...". Ich-Bot­schaf­ten sind Grund­bau­stei­ne ge­lun­ge­ner Kom­mu­ni­ka­tion.

Ich halte al­so die Mo­ham­med-Ka­ri­ka­tu­ren für ein Glück. Sie stel­len ei­nen Fort­schritt in den Be­zie­hun­gen zwi­schen is­la­mi­scher und west­li­cher Welt dar.

Im Fol­genden wer­den die Hin­ter­grün­de ein biss­chen auf­ge­frischt, um ab­schlie­ßend ei­nen Rechts­stand­punkt zu for­mu­lie­ren.
 

WAS WAR PAS­SIERT?

Kåre Bluit­gen schrieb An­fang 2005 an ei­nem Kin­der­buch über Mo­ham­med2. Lan­ge Zeit hat­te er nie­man­den ge­fun­den, der die Bil­der da­zu ma­len woll­te. Kei­ner der von ihm ge­frag­ten Gra­fi­ker war mu­tig ge­nug, das re­li­giö­se Ethos der Mus­li­me zu ver­let­zen und po­ten­tiel­ler Schick­sals­ge­nos­se des is­lam­kri­ti­schen Fil­me­ma­chers Theo van Gogh zu wer­den3, der 2004 in Am­ster­dam von ei­nem Mus­lim er­mor­det wur­de. Ei­nen Zeich­ner fand er schließ­lich doch - nach­dem er die­sem ab­so­lu­te Ano­ny­mi­tät zu­ge­si­chert hat­te. Bluit­gen er­zähl­te das al­les small­tal­kend auf ei­ner Par­ty ei­nem Be­kann­ten ... nicht ah­nend, dass er da­mit den er­sten Schnee­ball ei­ner La­wi­ne los­trat, die don­nernd ab­ge­gan­gen ist und de­ren Aus­läu­fer im­mer noch in Be­we­gung sind.

Der Be­kann­te war Troels Pe­der­sen, ein Jour­na­list. Er schuf aus ei­nem da­rauf fol­gen­den In­ter­view mit Bluit­gen die Sto­ry "Dä­ni­sche Künst­ler ha­ben Angst vor Is­lam-Kri­tik"4 und ver­schick­te sie am 16. Sep­tem­ber 2005 auf dem Nach­rich­ten­dienst Rit­zau, für den er da­mals ar­bei­te­te.

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Rück­bli­ckend scheint Kul­tur­re­dak­teur Flem­ming Ro­se der rich­tige Mann für die Um­set­zung die­ses Vor­ha­bens ge­we­sen zu sein. Sei­ne Äu­ße­run­gen ver­mit­teln den Ein­druck sou­ve­rä­ner Ge­las­sen­heit, fast Sanft­mü­tig­keit, und da­bei hat­te er sich in all den Jah­ren zum hart­nä­cki­gen und kom­pro­miss­lo­sen Kämp­fer für die Re­de­frei­heit ge­mau­sert6.

Zwölf der 25 Mit­glie­der der dä­ni­schen Ka­ri­ka­tu­ri­sten-Ge­sell­schaft sol­len laut Ro­se Zeich­nun­gen ein­ge­sandt ha­ben. Zwölf der Kunst­wer­ke wur­den dann auch hä­misch in "Was du nicht schaff­test, schaff­ten wir!"-Ma­nier von Jyl­lands-Po­sten un­ter dem Ti­tel "Mo­ham­meds Ant­litz"7 ab­ge­druckt - in vol­ler Kennt­nis des mus­li­mi­schen Bil­der­ver­bots, be­wusst dä­ni­sche Mus­li­me da­mit tref­fen wol­lend - ju­sta­ment.

Flem­ming Ro­se ent­schul­dig­te sich da­für nie. Er recht­fer­tig­te die Zeich­nun­gen ele­gant da­mit, dass die Gleich­be­rech­ti­gung der so­zia­len Grup­pen hö­her ste­he als der Re­spekt vor de­ren Par­ti­ku­lär­wer­ten, und dass kei­ne Grup­pe ei­ne Exem­tion vom Kom­men­tiert-, Kri­ti­siert- oder gar Ver­spot­tet­wer­den durch an­de­re Grup­pen für sich be­an­spru­chen kön­ne. Die dä­ni­schen Mus­li­me wür­den ein­fach in die sa­ti­ri­sche Tra­di­tion der Dä­nen in­te­griert, wie dies auch mit der kö­nig­li­chen Fa­mi­lie, mit Chri­sten, Bud­dhi­sten, Hin­du­i­sten und An­ge­hö­ri­gen an­de­rer Re­li­gio­nen ge­sche­he. "Die Ka­ri­ka­tu­ren schlie­ßen Mus­li­me ein, nicht aus"8. Und was die Re­de- und Pres­se­frei­heit an­lan­ge: Das Aus­spre­chen der Din­ge auf fried­li­che, men­schen­rechts­kon­for­me Wei­se wür­de Kon­flik­te ver­mei­den, de­ren Ver­schwei­gen hin­ge­gen Kon­flik­te er­zeu­gen.

Die Pro­te­ste von Re­prä­sen­tan­ten des Is­lam stie­ßen bei der dä­ni­schen Re­gie­rung mo­na­te­lang auf tau­be Oh­ren. Sie hielt sich für un­zu­stän­dig und ver­wies auf die Un­an­tast­bar­keit der Pres­se­frei­heit und auf die Mög­lich­keit des Rechts­we­ges. Viel­leicht hat sie auch das An­lie­gen der Mus­li­me miss­ver­stan­den. Die­se wä­ren näm­lich schon mit ei­ner Di­stan­zie­rungs­er­klä­rung der Re­gie­rung, ei­nem mo­ra­li­schen Ap­pell ei­nes Mi­ni­sters oder Ähn­li­chem zu­frie­den ge­we­sen. Es ging ih­nen nicht um Recht­spre­chung - zu­min­dest nicht in er­ster Li­nie. Ih­re schließ­lich doch ein­ge­brach­te Kla­ge we­gen Blas­phe­mie durch­lief den In­stan­zen­weg, wur­de aber schließ­lich am 15. März 2006 vom Di­rek­tor der Staats­an­walt­schaft mit aus­führ­li­cher Be­grün­dung ab­ge­wie­sen.

Für die welt­wei­te Es­ka­la­tion des Kon­flik­tes sorg­ten schließ­lich zwei dä­ni­sche Ima­me, die im De­zem­ber nord­af­ri­ka­ni­sche Re­gie­run­gen be­rei­sten und in ih­rem Ge­päck Fo­to­ko­pien der zwölf er­wähn­ten Ka­ri­ka­tu­ren und drei­er noch scheuß­li­che­rer, die sie via E-Mail er­hal­ten ha­ben sol­len, mit­führ­ten. Sie sen­si­bi­li­sier­ten da­mit die mus­li­mi­sche Welt für den an­geb­li­chen "dä­ni­schen Hass auf Mus­li­me".

Der Rest9 ist Ge­schich­te.
 

WAS VER­STEHT MAN UN­TER DEM IS­LA­MI­SCHEN BIL­DER­VER­BOT?

Ge­sich­ter zu zeich­nen, ist bei Mus­li­men ver­pönt. Tier­ge­sich­ter sind schon nicht mehr er­laubt, Men­schen­ge­sich­ter noch we­ni­ger, am al­ler­ver­bo­ten­sten sind Pro­phe­ten- und En­gel­ge­sich­ter. Un­be­an­stan­det blei­ben hin­ge­gen Pflan­zen, Land­schaf­ten und Or­na­men­tik.

Fi­xer Be­stand­teil is­la­mi­scher Ka­te­che­se ist die Ge­schich­te vom En­gel Ga­briel, der sich wei­gert, Woh­nun­gen zu be­tre­ten, in de­nen sich Hun­de (un­rei­ne Tie­re) auf­hal­ten oder Bil­der von We­sen mit Le­bens­odem ("ruh"), wo­run­ter Tie­re und Men­schen fal­len. Das steht aber nicht im Ko­ran, son­dern in den Ha­di­then, ei­ner ab et­wa 200 Jah­re nach Mo­ham­meds Tod nie­der­ge­schrie­be­nen Lehr­tra­di­tion.

Das Bil­der­ver­bot dürf­te zur War­nung vor Göt­zen­dienst ent­stan­den sein, ana­log zum Ju­den­tum10. Göt­zen­dienst ist Er­satz von Trans­zen­den­tem durch Ma­te­ri­el­les, von Men­schen Ge­mach­tes. Ab­ra­ham war ge­mäß Is­lam und jü­di­scher Tra­di­tion der Sohn ei­nes Göt­zen­her­stel­lers, des­sen Holz­sta­tu­en er als wert­los er­kannt hat - und da­mit hat­te sein Weg in die Frei­heit be­gon­nen.

The­o­lo­gen be­mü­hen als me­ta­phy­si­sche Be­grün­dung: Die Schöp­fung ist be­reits Bild Got­tes. Der Mensch soll sie nicht noch ein­mal durch Ge­mäl­de ins Bild brin­gen. Er wür­de sich sonst et­was an­ma­ßen, was Gott al­lein zu­steht bzw. was die­ser be­reits ge­tan hat, und das gin­ge nicht mit ei­ner gott­er­ge­be­nen - is­la­mi­schen - Ein­stel­lung zu­sam­men. Au­ßer­dem schafft ein Bild ein fi­xes Kon­zept und un­ter­bricht da­mit den Fluss des Le­bens, den ste­ten Wan­del, in dem nichts von lan­ger Dau­er ist.

Man­che is­la­mi­sche The­o­lo­gen hal­ten das Bil­der­ver­bot für vor­is­la­misch und kul­tu­rell be­dingt. Schließ­lich ha­ben ja auch Ko­ran-Gläu­bi­ge ih­ren Pro­phe­ten oft ge­nug ge­malt - be­vor man des­sen Ge­sicht spä­ter weiß über­mal­te.
 

WAS WÄ­RE RECH­TENS?

Un­ter sei­nes­glei­chen wird ein Mus­lim die Ein­hal­tung des Bil­der­ver­bots ein­for­dern kön­nen. Es wird da Stel­len ge­ben, bei de­nen er sich be­schwe­ren kann: Re­li­gions­ver­tre­ter, in is­la­mi­schen Staa­ten auch Ge­rich­te.

Un­ter An­ders­glau­ben­den wird er das nicht kön­nen. Ein Mus­lim kann mich nicht da­zu ver­pflich­ten, den Pro­phe­ten Mo­ham­med nicht zu zeich­nen, nur weil er das nicht tun darf.

Ge­nau­so we­nig kann ich ei­nen Ara­ber da­zu ver­pflich­ten, drei sei­ner vier Frau­en weg­zu­schi­cken, weil sein Ver­hal­ten mit mei­nem Glau­ben nicht zu ver­ein­ba­ren ist und ihn hier­zu­lan­de straf­fäl­lig ma­chen wür­de.

Hier wie dort fällt die Gren­ze des Ein­for­der­ba­ren mit der Gren­ze der Ge­sin­nungs­ge­mein­schaft zu­sam­men.

Un­se­re Ge­set­ze wer­den Mus­li­me nicht vor dem Schmerz be­schüt­zen kön­nen, sich Mo­ham­med-Ka­ri­ka­tu­ren an­se­hen zu müs­sen. Der Is­lam wird - wie je­de Re­li­gion - mit de­mo­kra­tie­kon­for­men Me­tho­den für sein An­lie­gen wer­ben müs­sen: Kon­fe­ren­zen, Vor­trä­ge, De­mon­stra­tio­nen, Schrif­ten ... da­ran führt kein Weg vor­bei. Kei­ne Re­li­gion kann ei­nes ih­rer Ver­bo­te per Ge­setz für die gan­ze Welt ver­bind­lich ma­chen.

Die Ka­ri­ka­tu­ren zwin­gen so zur Aus­ei­nan­der­set­zung mit der Fra­ge, wie in ei­ner frei­en Welt An­sprü­che durch­ge­setzt wer­den kön­nen. In­so­fern die­nen sie ei­nem gu­ten Zweck.
 
 

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F U S S N O T E N

1 Ihn schrieb die Te­he­ra­ner Ta­ges­zei­tung Ham­schah­ri im Fe­bru­ar 2006 aus. Man wähl­te ab­sicht­lich ein dem We­sten für sa­ti­ri­sche Ver­un­glimp­fung zu ern­stes The­ma: den Ho­lo­caust.
Das Blatt schrieb da­zu: "Die wich­ti­ge Fra­ge für Mos­lems lau­tet: Er­laubt die Mei­nungs­frei­heit des We­stens die Be­schäf­ti­gung mit den Ver­bre­chen Ame­ri­kas und Is­ra­els oder ei­nem Zwi­schen­fall wie dem Ho­lo­caust, oder ist die Mei­nungs­frei­heit nur da­zu gut, die hei­li­gen Wer­te von gött­li­chen Re­li­gio­nen zu be­lei­di­gen?"
Und der ober­ste geist­li­che Wür­den­trä­ger des Iran, Aja­to­llah Ali Cha­me­nei, zieh den We­sten des Mes­sens mit zwei­er­lei Maß: Wäh­rend die­ser bei den Mo­ham­med-Ka­ri­ka­tu­ren die Mei­nungs­frei­heit ver­tei­di­ge, un­ter­bin­de er sie bei ge­äu­ßer­ten "Zwei­feln an der Sa­ga des Ho­lo­caust".
Von den 1100 ein­ge­gan­ge­nen Ar­bei­ten wur­den ca. 200 ei­nen Mo­nat lang im "Kul­tur­zen­trum für pa­lä­sti­nen­si­sche Mär­ty­rer" in Te­he­ran aus­ge­stellt. Ei­ne Aus­wahl da­raus wur­de am 8.9.2006 vom links­li­be­ra­len dä­ni­schen Blatt In­for­ma­tion ver­öf­fent­licht - al­lerdings nicht im In­ter­net.

2 Ko­ra­nen og pro­fe­ten Mu­ham­meds liv, 269 Sei­ten, er­schie­nen Jän­ner 2006 in Dä­ne­mark. Es war nicht sein er­stes is­lam­kri­ti­sches Kin­der­buch. Po­li­tisch en­ga­gierte er sich ei­ne zeit­lang als Links­so­zi­a­list.

3 Theo van Gogh (1957-2004) war Nie­der­län­der und Ur­groß­nef­fe des be­rühm­ten post-im­pres­sio­ni­sti­schen Ma­lers Vin­cent van Gogh (1853-1890).

4 Dan­ske kunst­ne­re ban­ge for kri­tik af is­lam, er­schie­nen 16.9.2005 im Nach­rich­ten­dienst Rit­zau.

5 Dyb angst for kri­tik af is­lam, er­schie­nen am 17.9.2005 in der Zei­tung "Po­li­ti­ken".

6 Recht­zei­tig zum fünf­ten Jah­res­tag des Ka­ri­ka­tu­ren­ab­dru­ckes er­schien sein vier­tes Buch Die Ty­ran­nei des Schwei­gens (Tavshe­dens Ty­ran­ni. 492 S., Jyl­lands-Po­sten Ver­lag, Ko­pen­ha­gen 2010).

7 Mu­ham­meds ansigt, er­schie­nen am 30.9.2005 auf Seite 3 der Print-Aus­ga­be von Jyl­lands-Po­sten.

8 "The car­toons are in­clu­ding, ra­ther than ex­clu­ding, Mus­lims": Flem­ming RO­SE, Why I Pu­blished Those Car­toons: Wa­shing­ton Post 19.2.2006.

9 Di­plo­ma­ti­sche Ver­stim­mun­gen, Aus­set­zen von Kopf­geld auf die Zeich­ner, Bom­ben­an­schlä­ge auf dä­ni­sche Bot­schaf­ten, Boy­kot­te auf dä­ni­sche Wa­ren, be­waff­ne­te Aus­schrei­tun­gen mit ca. 100 ge­zähl­ten To­des­op­fern etc.

10 "Du sollst dir kein Bild­nis ma­chen"; sie­he 2. Moses 20:4; 5. Moses 5:8.