THEMENÜBERSICHT
Ein­lei­tung
Schläu­che und Be­häl­ter (Essen, Trinken, Atmung ...)
Zwei Ge­schlech­ter – ein Be­häl­ter
Wa­rum Ge­"schlecht"?
Wä­re ein ein­zi­ges Ge­schlecht nicht prak­ti­scher?
Kör­per­zel­len und Keim­zel­len
Wo, wie und wann ent­ste­hen Keim­zel­len?
Bei wem wächst ein Kind am be­sten auf?
 

 
Den Vor­trag ha­be ich mehr­mals vor Kin­dern und Er­wach­se­nen dia­lo­gisch un­ter Zu­hil­fe­nah­me ei­ner Ta­fel ge­hal­ten. Er wirk­te gut - auf die Zu­hö­rer, auf mei­ne Fa­mi­lie und auf mich selbst.
V = Vor­tra­gen­der, Z = Zu­hö­rer

V: Ich be­grü­ße al­le zu un­se­rem Vor­trag "Lie­be und Se­xu­a­li­tät". Ich möch­te mit der Fra­ge an­fangen: Was brau­chen wir, um zu le­ben? Was brau­chen wir, um nicht zu ster­ben?

Z: Es­sen, Trin­ken, gu­te Luft, die pas­sen­de Tem­pe­ra­tur ...

V: Und wenn wir ge­nug zu es­sen und zu trin­ken ha­ben und es warm ge­nug ha­ben, dann le­ben wir 100 Jah­re, 500 Jah­re, 1000 Jah­re, für im­mer ...

Z: Nein, ir­gend­wann ster­ben wir.

V: Ach so, wir ster­ben trotz­dem. Aber wä­re es nicht bes­ser, wenn wir im­mer wei­ter le­ben wür­den? Dann wenn wir al­le ge­stor­ben sind, was ist da­nach? Ist die Mensch­heit dann aus­ge­stor­ben?

Z: Nein, es kom­men wie­der neue Men­schen nach.

V: Ach, es kom­men wie­der neue Men­schen nach! Ist das gut?
Wer muss dann da was ma­chen, dass neue Men­schen nach­kom­men? Und wie macht man das?

Z: Gott macht das.

V: Gott macht das? Wie macht Gott das denn?

Schwei­gen.

V: Schau­en wir uns ein­mal an, wo das Es­sen und das Trin­ken hin­kommt.
Das Es­sen kommt zu­erst in ei­nen Schlauch - die Spei­se­röh­re - und sam­melt sich dann in ei­nem Be­häl­ter - dem Ma­gen - der es durch­weicht und auf­zu­lö­sen be­ginnt. Es wird flüs­si­ger und rinnt wei­ter in den Darm.
Das Trin­ken kommt in den glei­chen Schlauch, bleibt aber nicht lan­ge im Ma­gen, son­dern rinnt gleich wei­ter in den Darm. Der Darm schickt es an das Blut, das die Nah­rung im gan­zen Kör­per ver­teilt.
Und was der Kör­per nicht braucht, schei­det er wie­der aus.

Wozu brau­chen wir denn das Trin­ken? Wozu ver­wen­det un­ser Kör­per Flüs­si­ges?

Z: Für das Blut.

V: Rich­tig, vor al­lem für die Flüs­sig­keit des Blu­tes.

Und was ist mit der Luft? Wo­hin kommt die?
Sie kommt in die Luft­röh­re - eben­falls so ein Schlauch - und sam­melt sich dann in ei­nem Be­häl­ter, den wir Lun­ge nen­nen.
Die Luft ist wich­tig, denn un­ser Blut braucht nicht nur das Was­ser, das wir trin­ken, son­dern auch den Sauer­stoff aus der Luft in un­se­rer Lun­ge. Und es braucht auch Ei­sen von dem Es­sen, dass wir im Ma­gen und im Darm la­gern. Dann kann das Blut flie­ßen.

Wo fließt das Blut denn? Wie nennt man das?

Z: Adern.

V: Rich­tig. Und was bringt es zum Flie­ßen? Fließt es ganz von selbst?

Z: Nein, das Herz pumpt es durch den Kör­per.

V: Ge­nau. Das Blut fließt auch in Schläu­chen - den Adern - und sam­melt sich in ei­nem Be­häl­ter - dem Herz. Das Herz pumpt es zur Lun­ge, wo es den Sauer­stoff be­kommt. Dann fließt es wie­der zum Her­zen zu­rück und wird von dort wei­ter in den Kör­per ge­lei­tet.
Beim Blut ha­ben wir al­so - ge­nau­so wie beim Es­sen, Trin­ken und At­men - Schläu­che und ei­nen Sam­mel­be­häl­ter.

Ich il­lu­strie­re mei­ne Wor­te mit Zeich­nun­gen auf der Ta­fel, auf der nun be­reits Spei­se­röh­re und Ma­gen, Luft­röh­re und Lun­ge und Adern und Herz zu se­hen sind.

V: Hier se­hen wir die Kreis­läu­fe der Nah­rung, der Luft und des Blu­tes. Das ha­ben al­le Bu­ben und Män­ner so.
Und was ist mit den Mäd­chen und den Frau­en? Ist es bei de­nen an­ders?

Z: Nein, das ist bei Bu­ben und Mäd­chen gleich.

V: Ge­nau. Fürs Es­sen und Trin­ken, fürs At­men und fürs Blut ist bei al­len Men­schen al­les gleich. Wenn Män­ner und Frau­en gut es­sen, trin­ken und at­men, kön­nen al­le le­ben.

Jetzt gibt es aber auch ei­nen Schlauch und ei­nen Be­häl­ter - ei­nen Kreis­lauf -, der auf Män­ner und Frau­en auf­ge­teilt ist, der al­so nicht bei Män­nern und Frau­en gleich ist. In die­sem auf Män­ner und Frau­en auf­ge­teil­ten Kreis­lauf ent­ste­hen neue Men­schen.
Den Be­häl­ter, in dem Kin­der geboren wer­den kön­nen, hat nur die Frau, nicht der Mann. Zu die­sem Be­häl­ter füh­ren oben und un­ten Schläu­che hin. Den Schlauch oben hat nur die Frau, und den Schlauch un­ten ha­ben Mann und Frau ge­mein­sam.
Man nennt den Be­häl­ter Ute­rus, auf Deutsch Ge­bär­mut­ter. Man­che ha­ben ihn auch Lu­xus­ho­tel ge­nannt, weil es dem Kind, das da­rin he­ran­wächst, so gut geht wie in ei­nem Lu­xus­ho­tel.

Mann und Frau sind, was ih­re Fort­pflan­zung be­trifft, ge­teilt in zwei Ge­schlech­ter. Sie sind nicht gleich, pas­sen aber wun­der­bar zu­sam­men. Sie bil­den ge­mein­sam ein ein­zi­ges Sys­tem, das sehr gut funk­tio­niert. "Es war sehr gut"1, sagte Gott, nach­dem er die gan­ze Schöp­fung mit dem Men­schen da­rin ge­macht hat­te.

Wa­rum heißt es ei­gent­lich "Ge­schlecht", wenn Mann und Frau sehr gut sind? Ist ir­gend­et­was schlecht am Ge­schlecht? Nein, es ist nichts schlecht am Ge­schlecht. Aber wenn Mann und Frau ge­mein­sam sehr gut sind, dann ist die Tren­nung von Mann und Frau schlecht. Wenn der Be­am­te die El­tern am Stan­des­amt fragt: "Was ist es, ein Bub oder ein Mäd­chen?", dann sa­gen die El­tern es. Ge­trennt, für sich al­lein ist der Mensch ein Mann oder ist der Mensch ei­ne Frau. Aber ge­mein­sam, als Mann und Frau, ist er ganz. Die Bi­bel sagt: "Es ist nicht gut, wenn der Mensch al­lein bleibt."2 Also viel­leicht hat das Ge­fühl, dass es schlecht ist, wenn der Mensch nur ganz für sich al­lein ist, ir­gend­wie da­zu geführt, dass wir Ge­schlecht sa­gen, wenn wir den Teil des Gan­zen nen­nen, der je­dem Ein­zel­we­sen "Mensch" zu­kommt.

Ist das nicht ei­gent­lich un­prak­tisch, dass es den Men­schen nur als Mann und Frau gibt? Wäre es nicht prak­ti­scher, wenn sich je­der selbst ver­meh­ren könn­te, falls er das bräuch­te? Die Schne­cken kön­nen das ja auch.

Z: Viel­leicht schon, viel­leicht nicht.

V: Es geht, ihr merkt es schon, nicht da­rum, ob das prak­tisch ist oder nicht. Es geht da­rum, ob es gut ist oder nicht.
Wenn sich je­der Mensch selbst ver­meh­ren könn­te - laut der in­di­schen My­tho­lo­gie soll es so ei­ne Men­schen­art vor lan­ger, lan­ger Zeit ja ein­mal ge­ge­ben ha­ben -, dann kä­men im­mer nur die glei­chen Men­schen auf die Welt. Dann wür­de das Erb­gut im­mer gleich blei­ben. Es wür­de sich im­mer das Erb­gut des glei­chen Men­schen ver­meh­ren.
Da­durch, dass es zwei Ge­schlech­ter gibt, kön­nen im­mer bes­se­re Men­schen auf die Welt kom­men. Wenn sich die Men­schen be­mü­hen, gut zu blei­ben, und die wah­re Lie­be fin­den, dann wird auch die rich­ti­ge Frau den rich­ti­gen Mann fin­den und die Kin­der, die sie ha­ben, wer­den bes­ser als sie selbst und die Men­schen vor ih­nen sein.

Schau­en wir uns jetzt an, wie das Erb­gut ei­nes neuen Men­schen ent­steht.
Die Zel­len un­se­res Kör­pers ver­meh­ren sich stän­dig, weil auch im­mer wie­der Zel­len ster­ben. Man sagt, dass es sie­ben Jah­re lang dau­ert, bis al­le Zel­len ei­nes Kör­pers er­neu­ert sind. Un­se­re Zel­len ver­meh­ren sich durch Zell­tei­lung. Je­de neue, durch Zell­tei­lung ent­stan­de­ne Zel­le schaut ge­nau­so aus wie die Zel­le, aus der sie ent­stan­den ist.3 Da gibt es über­haupt kei­nen Un­ter­schied. Von Zell­tei­lung heißt das Fach­wort Mi­to­se.
An­ders ist das mit den Keim­zel­len. Das sind die Zel­len, aus de­nen nicht neue Zel­len des glei­chen Men­schen ent­ste­hen, son­dern das sind die Zel­len, aus de­nen ein ganz neu­er Mensch ent­steht.
Gibt es al­so zwei Ar­ten von Zel­len? Kör­per­zel­len und Keim­zel­len? Zu­nächst nicht. Zu­nächst gibt es nur Kör­per­zel­len. An ei­ner be­stimm­ten Stel­le im Kör­per be­ginnt dann aber ei­ne be­son­de­re Art von Zell­tei­lung zu pas­sie­ren, die so­ge­nann­te Meio­se. Die Meio­se teilt nicht wie die Mi­to­se ei­ne Kör­per­zel­le in zwei ge­nau glei­che Kör­per­zel­len, son­dern sie teilt ei­ne Kör­per­zel­le in vier ver­schie­de­ne Keim­zel­len. Es wä­re jetzt zu kom­pli­ziert auf­zu­zeich­nen, wie die Meio­se die Dop­pel­he­lix der DNA4 in vier se­pa­ra­te DNA-Tei­le auf­spal­tet, die al­le ver­schie­den sind. Je­den­falls grup­piert sich das Erb­gut je­der der vier Keim­zel­len neu, so­dass es nicht mehr ge­nau das Erb­gut des Men­schen ist, von dem die Keim­zel­le kommt. Es ist dem Erb­gut, von dem es kommt, nur mehr ähn­lich, nicht mehr gleich. Es ist ein neues Erb­gut, das es noch nie ge­ge­ben hat.

Wo ist jetzt die­se be­stimm­te Stel­le im Kör­per, an der die Meio­se pas­siert? Die­se Stel­le ist beim Mann und bei der Frau ver­schie­den. Und auch der Zeit­punkt, an dem die Meio­se pas­siert, ist beim Mann und bei der Frau ver­schie­den.
Bei wem sol­len wir an­fan­gen, beim Mann oder bei der Frau? Wo­rauf ei­ni­gen wir uns?

Z: Beim Mann. Fan­gen wir beim Mann an.

V: Al­so gut.

Die Stel­le im Kör­per des Man­nes, in der die Meio­se pas­siert, nennt man Ho­den. Je­der Mann hat zwei Ho­den. Und in den Ho­den wer­den durch die Zell­tei­lung, die man Meio­se nennt, Keim­zel­len er­zeugt. Keim­zel­len schau­en aus wie klei­ne Kaul­quap­pen. Sie sind wie läng­li­che Fa­sern, vor­ne rund und brei­ter und nach hin­ten zu im­mer schmä­ler. Sie ha­ben ei­nen Schwanz, der sich nach links und rechts be­wegt und die Keim­zel­len nach vorne treibt. Man nennt sie Sper­mien, das ist das la­tei­ni­sche Wort für Sa­men. Das ist al­so der Ort im Mann, an dem die Keim­zel­len ent­ste­hen.
Es gibt aber auch ei­ne Al­ters­stu­fe. Die Al­ters­stu­fe, ab der der Kör­per des Man­nes an­fängt, Keim­zel­len zu bil­den, ist die Pu­ber­tät, so ab dem 12. bis 13. Le­bens­jahr.

Bei der Frau ist das an­ders. Bei ihr be­gin­nen die bei­den Eier­stö­cke in ih­rem Bauch schon ab der Ge­burt, Keim­zel­len zu bil­den. Die­se Keim­zel­len blei­ben in den Eier­stö­cken und wer­den dort auf­be­wahrt. Vie­le tau­sen­de Ei­er ent­ste­hen mit der Zeit. Die Ei­er schau­en nicht aus wie Kaul­quap­pen, son­dern wie run­de Filz­ku­geln. Sie sind viel, viel grö­ßer als die männ­li­chen Keim­zel­len, aber im­mer noch so klein, dass man sie mit frei­em Au­ge fast nicht se­hen kann. Und sie kön­nen sich nicht sel­ber be­we­gen. Auch sind sie noch nicht fer­tig be­zie­hungs­wei­se reif. Reif wer­den sie erst ab der Pu­ber­tät, al­so auch et­wa ab dem 12. bis 14. Le­bens­jahr. Aber al­le auf ein­mal wer­den nicht reif, son­dern nur un­ge­fähr al­le vier Wo­chen wird ein Ei reif. Und da­bei wech­seln sich die bei­den Eier­stö­cke ab. Ist ein­mal bei ei­nem Eier­stock ein Ei reif ge­wor­den, dann wird die näch­sten vier Wo­chen beim an­de­ren Eier­stock ein Ei reif, in den über­näch­sten vier Wo­chen wie­der beim er­sten Eier­stock und so wei­ter. Und was macht so ein Ei, wenn es reif ist? Es springt es aus dem Eier­stock he­raus und be­ginnt durch den Schlauch im Bauch der Frau in den Be­häl­ter zu wan­dern - be­zie­hungs­wei­se der Schlauch drückt es und schiebt es, weil es sich nicht sel­ber be­we­gen kann.

Wir ha­ben jetzt al­so männ­li­che Keim­zel­len in den Ho­den und weib­li­che Keim­zel­len in den Eier­stö­cken. Aus sol­chen Keim­zel­len kann aber kein neuer Mensch ent­ste­hen, weil ei­ne Keim­zel­le nur ei­ne Ein­fach­he­lix der DNA hat. Und aus ei­ner Ein­fach­he­lix kann kein fort­pflan­zungs­fä­hi­ges Le­be­we­sen ent­ste­hen. Es gibt in der Na­tur zwar Le­be­we­sen mit nur ei­ner He­lix - be­stimm­te Bak­te­rien und Vi­ren -, aber die kön­nen sich nicht ver­meh­ren be­zie­hungs­wei­se sie ver­meh­ren sich als Pa­ra­si­ten, in­dem sie das Erb­gut von Zel­len, die sie an­grei­fen, dem ei­ge­nen Erb­gut an­glei­chen.
Je­des fort­pflan­zungs­fä­hi­ge Le­be­we­sen braucht ei­ne Dop­pel­he­lix. Und der Mensch IST ein fort­pflan­zungs­fä­hi­ges Le­be­we­sen. Da­her braucht es un­be­dingt ei­ne Dop­pel­he­lix, da­mit ein neu­er Mensch ent­ste­hen kann. Wie soll jetzt aus Keim­zel­len, die nur ei­ne Ein­fach­he­lix ha­ben, ei­ne Dop­pel­he­lix ent­ste­hen? Das ist ein Pro­blem. Kön­nen zwei Keim­zel­len ih­re bei­den Ein­fach­he­li­xen ein­fach so zu­sam­men­le­gen, dass ei­ne Dop­pel­he­lix ent­steht?

Z: Ja, das geht.

V: Ge­nau. Es geht. Kön­nen al­so zwei männ­li­che Keim­zel­len ih­re bei­den Ein­fach­he­li­xen zu ei­ner Dop­pel­he­lix zu­sam­men­le­gen?

Z: Nein.

V: Nein, kön­nen sie nicht. Und kön­nen zwei weib­li­che Keim­zel­len ih­re Ein­fach­he­li­xen zu ei­ner Dop­pel­he­lix zu­sam­men­le­gen?

Z: Nein, kön­nen sie auch nicht.

V: Ge­nau. Aber wie­so geht das nicht?

Z: Es ent­steht nichts. Wenn man zwei gleich­ge­schlecht­li­che Keim­zel­len ne­ben­ei­nan­der legt, blei­ben sie ne­ben­ei­nan­der lie­gen und tun nichts mit­ei­nan­der.

V: Ja. Gleich­ge­schlecht­li­che Keim­zel­len sind wie glei­che mag­ne­ti­sche Po­le, zwei Plus- oder zwei Mi­nus­po­le. Sie kom­men nicht zu­sam­men, sie brau­chen Ab­stand von­ei­nan­der und blei­ben in ei­ni­ger Ent­fer­nung ne­ben­ei­nan­der lie­gen. Al­so wel­che Mög­lich­keit bleibt jetzt noch üb­rig?

Schwei­gen.

V: Es bleibt nur noch die Mög­lich­keit über, dass ei­ne männ­li­che und ei­ne weib­li­che Keim­zel­le ih­re Ein­fach­he­li­xen zu ei­ner Dop­pel­he­lix zu­sam­men­le­gen, oder? Eine an­de­re Mög­lich­keit gibt es nicht. Eine männ­li­che und ei­ne weib­li­che Keim­zel­le sind wie ein Plus- und ein Mi­nus­pol. Sie zie­hen ei­nan­der an. Sie hö­ren nicht auf, ei­nan­der an­zu­zie­hen, bis sie an­ei­nan­der kle­ben, ja nicht nur an­ei­nan­der kle­ben, son­dern so­gar so mit­ei­nan­der ver­schmel­zen, dass sie gar nicht mehr ge­trennt wer­den kön­nen, weil sie zu­sam­men ein neu­es ein­zig­ar­ti­ges Le­be­we­sen bil­den.
Die männ­li­che und die weib­li­che Keim­zel­le müs­sen sich al­so tref­fen. Falls ein rei­fes Ei, das ge­ra­de aus dem Eier­stock ge­sprun­gen ist, auf dem Weg in den Be­häl­ter auf ei­ne männ­li­che Keim­zel­le trifft, wird es be­fruch­tet, bleibt ste­hen und ni­stet sich im Be­häl­ter ein. Es macht sich dort ein Nest und wächst in die­sem Nest zum fer­ti­gen Kind he­ran.
Und was ist, wenn das Ei auf sei­ner Rei­se zum Be­häl­ter kei­ne männ­li­che Keim­zel­le trifft? Dann wan­dert es durch den nach au­ßen füh­ren­den Schlauch an die fri­sche Luft und ver­geht.

Das Kind wächst al­so im Mut­ter­schoß he­ran und wird un­ge­fähr neun Mo­na­te nach sei­ner Ent­ste­hung ge­bo­ren. Die DNA in sei­nen Zel­len kommt zur Hälf­te von sei­ner Mut­ter und zur Hälf­te von sei­nem Va­ter. Es hat aber nicht ein­fach die DNA sei­ner El­tern, son­dern es hat ei­ne von vie­len mög­li­chen Va­ria­tio­nen der DNA sei­ner El­tern. Wenn es die DNA sei­ner El­tern hät­te, dann wür­den Ge­schwi­ster al­le gleich aus­schau­en. Es schau­en aber nicht ein­mal Zwil­lin­ge und Dril­lin­ge kom­plett gleich aus - ob­wohl sie ei­nan­der wirk­lich sehr ähn­lich se­hen, so ähn­lich, dass je­mand, der sie zum er­sten Mal sieht, ganz si­cher nicht un­ter­schei­den kann. Aus die­sem Grund dür­fen Zwil­lin­ge in Öster­reich auch nicht die glei­che Schul­klas­se be­su­chen. Der Leh­rer könn­te sie dann näm­lich nicht un­ter­schei­den und sie könn­ten ihn bei Haus­auf­ga­ben oder Prü­fun­gen be­schwin­deln.
Das Kind ist al­so aus Va­ria­tio­nen der DNA sei­ner El­tern ent­stan­den, aber im­mer­hin ist es die DNA sei­ner El­tern, aus der es ent­stan­den ist. Und das Kind weiß das nicht, sein Be­wusst­sein ist noch nicht ge­reift ge­nug, um zu wis­sen, wo es her­kommt.
Daher jetzt mei­ne Fra­ge: Wis­sen die Zel­len das auch nicht, dass sie aus der DNA der El­tern des Kin­des ent­stan­den sind? Oder gibt es so et­was wie ein Zell­ge­dächt­nis, das sich da­ran er­in­nert, von wel­chem El­tern-Erb­gut es her­kommt?

Z: Ja, so ein Zell­ge­dächt­nis gibt es.

V: Ich würde auch sa­gen, dass es so et­was gibt. Aber wie im­mer man es nennt oder selbst wenn es so ein Zell­ge­dächt­nis nicht gä­be, kann man an­neh­men, dass die Zel­len des Kin­des mit den Zel­len sei­ner El­tern gut har­mo­nie­ren, weil sie ei­nan­der ähn­lich sind, und dass sie sich mit­ei­nan­der ver­wandt füh­len.

Wei­te­re Fra­ge: Wenn sich das Kind auf­grund sei­ner ver­wan­dten DNA bei sei­nen El­tern zu Hau­se fühlt, bei wem soll es dann am be­sten auf­wach­sen?

Z: Bei sei­nen El­tern.

V: Wenn da­her je­mand möch­te, dass das Kind schon sehr bald - ab sei­nem er­sten Le­bens­jahr - mehr Zeit bei an­de­ren Per­so­nen ver­bringt als bei sei­nen El­tern, wel­che Ab­sicht könn­te er da­mit ver­fol­gen?

Z: Er möch­te ei­nen an­de­ren Ein­fluss mehr Gel­tung ver­schaf­fen als dem El­tern­haus.

V: Und ist das zu be­grü­ßen?

Z: Ich glau­be nicht. Das El­tern­haus ist im­mer noch die na­tür­lich­ste und am we­nig­sten stres­si­ge Um­ge­bung für das Kind, auch wenn dort viel­leicht Pro­ble­me gibt.

V: Ich glau­be das auch. Aber auch wenn das Kind bei an­de­ren El­tern als den ei­ge­nen auf­wach­sen muss - weil es viel­leicht ein Wai­sen­kind ist oder weil sei­ne El­tern, ob­wohl sie noch le­ben, es aus ei­nem an­de­ren Grund nicht bei sich ha­ben kön­nen -, kann das gut gehen. Aber das Kind sel­ber würde, wenn es das könn­te, wahr­schein­lich sei­ne ei­ge­nen El­tern als die Men­schen ha­ben wol­len, bei de­nen es auf­wächst.
 

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F U S S N O T E N

1 Genesis 1:31

2 "Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht." (Genesis 2:18)

3 Übrigens: Die erste Zelle, die im Mutterschoß durch Befruchtung entstanden ist, stirbt erst mit dem Tod des Körpers. Sie lebt die ganze Zeit von der Befruchtung bis zum Tod. Alle Zellen, die vor dem Tod des Menschen sterben und alle, die bis zum Tod des Menschen leben, stammen von dieser ersten Zelle ab.

4 DNA ist die Abkürzung für desoxyribonuclein acid, auf Deutsch: Desoxyribonukleinsäure.