Nach dem Er­schei­nen von Dan Browns Kri­mi­nal­ro­man The DaVin­ci Code - zu Deutsch Sa­kri­leg - er­hielt ich vie­le An­fra­gen, was von der Idee, Je­sus und Ma­ria Mag­da­le­na ( = MM) wä­ren ein Paar ge­we­sen und hät­ten so­gar Kin­der ge­habt, zu hal­ten sei. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, aber es in­te­res­sier­te mich selbst, al­so be­schloss ich, es he­raus­zu­fin­den.

Mitt­ler­wei­le sind vier Jah­re ver­gan­gen, und mei­ne Be­schäf­ti­gung mit MM hat sich als wah­re Fund­gru­be für mein Ver­ständ­nis des Neu­en Te­sta­ments - der "Fro­hen Bot­schaft", wie das grie­chi­sche "Euan­ge­lion" über­setzt wer­den kann - he­raus­ge­stellt. Ob Je­sus und MM ein Paar wa­ren, weiß ich zwar noch im­mer nicht mit letz­ter Si­cher­heit, aber dass ih­re Be­zie­hung sich ge­mäß NT in die­se Rich­tung ent­wi­ckel­te be­zie­hungs­wei­se zu ent­wi­ckeln hat­te, und dass die Evan­ge­lien oh­ne MM gar kei­ne fro­he Bot­schaft ent­hiel­ten, darf ich ver­läss­lich be­haup­ten. Wer sich die Rol­len an­sieht, die Je­sus und MM bei den ver­schie­de­nen in den Evan­ge­lien be­schrie­be­nen Be­ge­ben­hei­ten spie­len, kann das leicht selbst nach­prü­fen.

Baume-le-Messieur oben
Baume-le-Messieur: Unsere beiden Buben in wilder Natur

Ir­gend­wann ka­men mei­ne Frau und ich auf die Idee, im Som­mer 2009 die Or­te in Süd­frank­reich zu be­su­chen, an de­nen MM leb­te und starb. Wir woll­ten wis­sen, ob das kul­tu­rel­le Zeug­nis und der ar­chä­o­lo­gi­sche Be­fund dem stand­hiel­ten, was wir von die­ser Frau ge­le­sen und er­forscht hat­ten.

Das war je­doch leich­ter ge­sagt als ge­tan. Un­se­re Kin­der, die schon lan­ge ein­mal in ei­nem Wohn­mo­bil rei­sen woll­ten, hat­ten mei­nen Schwa­ger auf die glor­rei­che Idee ge­bracht, uns sein Wohn­mo­bil zu bor­gen. Er ließ es ein­fach nach sei­nem ei­ge­nen Ur­laub im fran­zö­si­schen Ju­ra ste­hen, da­mit wir es nach aus­gie­bi­ger Nut­zung zu ihm zu­rück nach Hau­se brach­ten. Se­hen wir's als Chance, sag­ten wir uns als El­tern, und ge­hen wir nicht da­ge­gen an.

Baume-le-Messieur Mitte
wie voriges Bild

Doch: Das alte Ding tat zwar sei­nen Dienst und er­freu­te die Kin­der, schaff­te aber höch­stens 80 km/h und lenk­te tei­gig mit ei­ner Se­kun­de Ver­zö­ge­rung. Da­mit 600 km bis nach Süd­frank­reich fah­ren? Nie im Le­ben. Ich be­grub un­se­re Hoff­nung, MMs Stät­ten zu se­hen, und wir lie­ßen uns nach ei­ni­gen schö­nen Ta­gen in Baume-les-Mes­sieurs beim Lac de Vou­glans nieder, dem größ­ten fran­zö­si­schen Stau­see.

"Woll­test Du nicht zu MM fah­ren?" frag­te mich dort mei­ne Frau. Woll­te ich das noch? Ich war nicht si­cher. Doch sie er­mu­tig­te mich, al­lein hin­zu­fah­ren, da sie mit den Kin­dern schon zu­recht kä­me. "Willst du den Re­ser­ve-Zünd­schlüs­sel?" frag­te sie. "Brau­che ich nicht", ant­wor­te­te ich. So fuhr ich los - in ih­rem To­yo­ta. Soll­te mich un­ter­wegs das Heim­weh pa­cken, konn­te ich ja um­keh­ren.

An der er­sten Tank­stel­le ba­ten mich zwei Au­to­stop­pe­rin­nen, sie mit nach Tou­lon zu neh­men. "Falls euch mein Au­to zu­sagt, bit­te schön - aber ich fah­re nur bis Mar­seille", gab ich mich ku­lant-re­ser­viert. Es wa­ren Abi­tu­rien­tin­nen aus Ant­wer­pen auf dem Weg zum Meer. Im Au­to be­ka­men sie na­tür­lich bald aus mir he­raus, dass ich MM be­suchen woll­te, und ich fing zu fach­sim­peln an. Das in­te­res­sier­te sie al­lerdings we­nig, und die Stim­mung im Au­to wur­de ernst und kühl. Da fin­gen sie an, von sich zu er­zäh­len, und all­mäh­lich er­schien mir die Vor­stel­lung, mit ih­nen ans Meer zu fah­ren, reiz­vol­ler als die, hin­ter ei­ner 2000 Jah­re al­ten Lei­che her zu sein. Die Mäd­chen be­frei­ten mich von mei­nem Zwei­fel, als sie beim näch­sten Tank­stopp je­man­den fan­den, der sie bis nach Tou­lon mit­neh­men konn­te, und mich frag­ten, ob ich et­was da­ge­gen hät­te, wenn sie mich ver­lie­ßen. "Na­tür­lich nicht!" be­eil­te ich mich, ih­nen zu ver­si­chern, und wünsch­te ih­nen schö­ne Fe­rien.

Jetzt wuss­te ich we­nig­stens, dass ich wirk­lich zu MM woll­te. Und zwar zu­erst nach Sainte-Baume.

Ich fuhr die 600 Ki­lo­me­ter nach Aix-en-Pro­vence, wäh­rend ich Land­schaft und Ar­chi­tek­tur im­mer me­di­ter­ra­ner wer­den sah, und bog dann links ab nach Trets. Mein Weg führ­te mich durch die Ge­mein­de Saint-Za­cha­rie, die be­reits im Kan­ton Saint-Ma­xi­min-la-Sainte-Baume liegt und von der ich noch nie ge­hört hat­te. Ich staun­te, dass ich zu MM über Saint-Za­cha­rie kom­men zu müs­sen schien, und frag­te mich, ob das ein Zu­fall, ei­ne Syn­chro­ni­zi­tät (wie man heu­te mo­dern zu sa­gen pflegt) oder gar kein Zu­fall war.

Saint Zacharie
Links MMs berühmtes Ölgefäß mit der lateinischen Aufschrift "Oleum nardi pretiosi" (wertvolles Nardenöl), rechts von ihr die beiden Blutampullen "Sang de St Zacharie" und "Sang de Jean-Baptiste"

Aus heu­ti­ger Sicht war es kein Zu­fall. Hät­te ich da­mals schon das zwei­te Buch von Mark Gibbs Se­crets of The Ho­ly Fa­mi­ly1 ge­kannt, dann hät­te ich mir die dor­ti­ge Pfarr­kir­che Saint-Jean-Bap­tiste ge­nau­er an­ge­se­hen. Da­rin be­fin­det sich näm­lich ei­ne Sta­tue MMs in ge­wohnt knie­en­der Ge­bets­hal­tung mit zwei ge­heim­nis­vol­len Am­pul­len an ih­rer rech­ten Sei­te, de­ren je­wei­li­ge Auf­schrift "Blut des Za­cha­rias" be­zie­hungs­wei­se "Blut Jo­han­nes des Täu­fers" Gibbs' The­se, MM sei Za­cha­rias' Toch­ter ge­we­sen, und Kath­leen McGo­wan's The­se, MM hät­te in Ka­na Jo­han­nes den Täu­fer ge­hei­ra­tet2, stützt.

Doch ich kann­te Gibbs' Buch eben noch nicht und fuhr da­her ein­fach durch Saint-Za­cha­rie durch und kam nach vie­len Ki­lo­me­tern hü­gel­auf und hü­gel­ab auf ei­ner en­gen Ge­birgs­stra­ße zum groß­ar­ti­gen Mas­sif-de-la-Sainte-Baume.

Massif-de-la-Sainte-Baume
Massif-de-la-Sainte-Baume            

Nach kur­zem Be­stau­nen der atem­be­rau­ben­den Sil­hou­ette fuhr ich hi­nun­ter in das 200-See­len-Dorf Plan-d'Aups-Sainte-Baume, in wel­chem ich die Ster­be­grot­te MMs wähn­te. Da­mit lag ich je­doch da­ne­ben. Kei­ne Spur von MM gab es in die­sem Nest, nur ei­ne 900 Jah­re al­te Kir­che, Ei­gen­tum der "Sœurs de Bé­tha­nie" (Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen). Es war be­reits 19 Uhr, und ich woll­te ans Ziel. Ich be­schloss, im Ge­mein­de­amt zu fra­gen, fuhr hin, park­te, stieg aus, schlug die Au­to­tür zu und hat­te den Au­to­schlüs­sel im Zünd­schloss ste­cken ge­las­sen. Aaiii!!! Hät­te ich doch auf mei­ne Frau ge­hört und den Re­ser­ve-Zünd­schlüs­sel mit­ge­nom­men! Jetzt war es da­für zu spät.

Das Ge­mein­de­amt war zu, der Su­per­markt noch of­fen. Ich frag­te die Kas­sie­rin, wo denn hier MM sei. "Das weiß ich nicht, ich bin erst seit drei Mo­na­ten hier", war ih­re Ant­wort. "Aber fra­gen Sie doch die al­te Da­me", wies sie auf die Stra­ße, "die ge­ra­de ih­ren Ein­kauf nach Hau­se trägt!" Ich lief der Da­me nach, die mich auf­klär­te, dass be­sag­te Höh­le vier Ki­lo­me­ter nörd­lich im Nach­bar­dorf Nans-les-Pins lie­ge und nur zu Fuß von der do­mi­ni­ka­ni­schen Pil­ger­her­ber­ge Hô­tel­le­rie aus zu er­rei­chen sei. Das Haupt MMs wä­re aber nicht dort, son­dern in der Ba­si­li­ka Saint-Ma­xi­min zehn Ki­lo­me­ter wei­ter im Tal.

Wand
Fels­wand des Mas­sif-de-la-Sainte-Baume, an des­sen Fuß ich meinen Schlaf­platz fand

Die­se In­for­ma­tion war wert­voll, aber wie kom­me ich jetzt in mein Au­to? Ich ging noch ein­mal in den Su­per­markt und frag­te die Kas­sie­rin nach ei­nem Me­cha­ni­ker. "Pro­bie­ren Sie's in der Bar", mein­te sie. Al­so ging ich in die Bar auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Dort saß tat­säch­lich ein Me­cha­ni­ker, an­ge­tan mit ei­nem blau­en Peu­geot-Leib­chen. Nicht schlecht für ein 200-See­len-Dorf! Er mach­te sich gleich da­ran, sein Werk­zeug zu ho­len, brach­te sei­nen 10-jäh­ri­gen Sohn mit, und nach ge­mein­sa­mem halb­stün­di­gen kon­zen­trier­ten An­zie­len des Tür­rie­gels mit Hil­fe ei­nes durch den Tür­spalt ge­führ­ten Drah­tes war das Au­to of­fen! Ich gab ihm et­was Geld, von dem er nach ei­ni­gem Wi­der­stre­ben dann doch die Hälf­te nahm, und fuhr los.

Hôtellerie
die "Hô­tel­le­rie" der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen – hi­sto­ri­sche An­sicht

Die Hô­tel­le­rie war eben­so leicht zu fin­den wie der Fuß­weg zur Höh­le. Es mach­te nichts, dass es be­reits 21 Uhr war, denn die Son­ne ging dort ei­ne Stun­de spä­ter un­ter als bei uns in Öster­reich. Auf dem Weg be­geg­ne­te ich ei­nem Mann, der wie ein Prie­ster wirk­te und mich frag­te, ob ich kein Licht da­bei hät­te. "Doch", log ich, "ei­ne Ta­schen­lam­pe." "Dann gu­ten Auf­stieg", wünsch­te er. Nach et­wa ei­ner Stun­de, ver­bellt vom Hund ei­ner spa­ni­schen Tou­ri­sten­grup­pe, er­reich­te ich den Ein­gang zu dem in den Fels ge­hau­e­nen Män­ner­klo­ster, hin­ter dem die Höh­le lag. Sel­bi­ges hat­te um das Jahr 500 mit Kas­sia­ni­ten be­gon­nen, wur­de dann von Be­ne­dik­ti­nern be­sie­delt und ge­hör­te jetzt Do­mi­ni­ka­nern. Die Klo­ster­pfor­te war zu - klar, um 22 Uhr!

Die un­ter­ge­gan­ge­ne Son­ne grüß­te noch als orange­ro­ter Strei­fen weit hin­ten am Ho­ri­zont, und es war Zeit, mei­nen Schlaf­platz zu fin­den. Ich fand ihn an ei­ner Stel­le, wo die senk­rech­te Fels­wand des Mas­sivs mit dem wei­chen Erd­bo­den zu­sam­men­traf. Ich leg­te mich in mei­nen Schlaf­sack und lausch­te den Stim­men der Na­tur: dort ein Kna­cken, hier ein Vo­gel­ruf, hin­ten ein Ra­scheln - ins­ge­samt eher be­ru­hi­gend. Ich schlief ein.

Kruzifix
                Kreu­zi­gungs­grup­pe vor dem Klo­ster

Grotteneingang
Ein­gang zur Grot­te      

Am näch­sten Mor­gen war die Tür zum Klo­ster of­fen. Ich ging an der gro­ßen Kru­zi­fix-Grup­pe vor­bei und kam zu ei­ner of­fe­nen Tür in der den Fels be­fe­sti­gen­den Mau­er. Es war der Ein­gang zur Höh­le. In­nen wirk­te sie wie ei­ne Kir­che. Ich mach­te drin­nen die Run­de und fand nichts Be­son­de­res. Ei­ne Grup­pe von vier Fran­zo­sen be­te­te den "Kreuz­weg der Un­ge­bo­re­nen". Ich ging bald wie­der hi­naus.

Dominikanerkloster
das in den Fels
hi­nein­ge­hau­e­ne
Do­mi­ni­ka­ner­klo­ster (Quel­le: www.fotos-reiseberichte.de)

Ei­ne an­de­re Tür führt in das in den Berg hi­nein ge­bau­te Do­mi­ni­ka­ner­klo­ster. Ich ging nicht hi­nein, son­dern den Berg hi­nun­ter und früh­stück­te bei mei­nem Au­to. In der Hô­tel­le­rie frag­te ich die dienst­ha­ben­de jun­ge Do­mi­ni­ka­ne­rin in ih­rem blü­ten­wei­ßem Or­dens­ge­wand, wo ich mein Ge­schirr wa­schen könn­te. Sie schloss die Au­gen und sag­te: "Je dois re­flê­chir." Dann wies sie mir die Toi­let­te, mach­te auf dem Ab­satz kehrt und setz­te sich schnur­stracks vor ih­ren Com­pu­ter. In der Toi­lette fand ich die Putz­frau vor. Sie bat mich, die Toi­lette bit­te jetzt nicht zu be­nüt­zen, da­mit das Rei­ni­gungs­mit­tel wir­ken kön­ne. Das hät­te ich auch nicht vor, sag­te ich, ich möch­te nur mein Ge­schirr wa­schen. Da­mit war sie ein­ver­stan­den.

MM in der Hôtellerie

Die Hô­tel­le­rie ist ein gro­ßer Kom­plex von Ge­bäu­den, die der Pil­ger­be­her­ber­gung und dem Klo­ster­le­ben die­nen sol­len. Die In­nen­aus­stat­tung ist ganz dem An­den­ken MMs ge­wid­met. Ge­mäl­de, Fen­ster, Schrif­ten, die ziem­lich gro­ße Kir­che ... al­les er­zählt von die­ser Frau.

Da­nach fuhr ich mit dem Au­to die zehn Ki­lo­me­ter nach Saint-Ma­xi­min-la-Sainte-Baume.

Maximinus findet MM
Ma­xi­min fin­det MM in ih­rer Höh­le

Es war Markt­tag, und ich such­te et­wa ei­ne Stun­de lang nach ei­nem Park­platz. Zu Fuß hielt ich nun Aus­schau nach der Ba­si­li­ka - oh­ne Er­folg. Ei­ne freund­li­che Be­am­tin auf dem Po­li­zei­kom­mis­sa­riat er­klär­te mir den Weg - aber wie­der ver­lor ich mich in den Gas­sen. Da frag­te ich ei­nen Pas­san­ten, und der äl­te­re Herr führ­te mich durch die ver­win­kel­te Alt­stadt di­rekt hin. Ich be­trat den gro­ßen go­ti­schen Bau und ging da­rin um­her.
Beim An­blick der ro­ten Lam­pe vor dem Ta­ber­na­kel sag­te et­was in mir "Je­sus, ich lie­be Dich". In die­ser Kir­che schien et­was in mir aus dem Ver­ges­sen auf­zu­tau­chen und er­neut in die Ge­schich­te ein­zu­tre­ten. Al­les um mich schien wie seit lan­ger Zeit vor­be­rei­tet, nur da­rauf war­tend, was ich jetzt tue. Vor der Sta­tue der Jeanne d'Arc blieb ich ste­hen. Sie hielt zwei Fah­nen in ih­rer Hand, auf der ei­nen stand "Jé­sus", auf der an­de­ren "Ma­rie". In die­sem Au­gen­blick be­griff ich, dass das Haupt MMs nicht in der Ba­si­li­ka lag, son­dern in ei­ner Kryp­ta da­run­ter. Ich sah mich um. Ja, da war der Ein­gang zur Kryp­ta! Auf die Fra­ge, ob ich dort hi­nein­ge­hen soll­te, er­hielt ich ein kla­res Ja zur Ant­wort.

Kopf von MM
der in Gold
eingefasste
Schädel von MM

Sarkophag des heiligen Maximinus
Sarkophag des
hl. Bischofs Maximinus

Ich stieg al­so hi­nun­ter. Die recht­ecki­ge Kryp­ta ist 4,3 m breit und 4,5 m lang. Ihre rech­te und lin­ke Sei­te flan­kie­ren lee­re Sar­ko­pha­ge, ei­ner da­von ge­hör­te dem hei­li­gen Bi­schof Ma­xi­mi­nus, der nach der Le­gen­de mit MM im Boot in Süd­frank­reich an­ge­kom­men und ei­ner ih­rer treu­e­sten Ge­fähr­ten ge­we­sen sein soll. Er war Zeu­ge ih­res Ster­bens und über­führ­te ih­ren Leich­nam aus ih­rer Höh­le in sei­ne Kir­che. Die Vor­der­wand der Kryp­ta be­stand aus ei­nem gol­de­nen Git­ter, hin­ter dem man die gol­de­ne Ein­fas­sung des Schä­dels MMs mehr er­ah­nen als se­hen konn­te. Doch mei­ne auf­merk­sa­me Ge­spannt­heit zoom­te mei­nen Geist zu dem Schä­del hin, so­dass ich mich ihm ganz nah fühl­te und al­les üb­ri­ge rund he­rum ver­blass­te. Der Schä­del ver­ström­te ei­ne sou­ve­rä­ne Glück­se­lig­keit, Ho­heit und Hei­ter­keit. Ei­nem so glück­li­chen To­ten­schä­del war ich bis da­hin noch nicht be­geg­net. Über­wäl­ti­gen­de Glück­se­lig­keit! Da sprach ei­ne Stim­me auf Eng­lisch zu mei­nem Geist: "You did some­thing for me. I just wan­ted to say thank you." Und von al­len Wän­den schien ein gro­ßes "Ja" zu er­schal­len auf die Fra­ge, die ich gar nicht ge­stellt hat­te, näm­lich ob Je­sus und MM ein Paar ge­wor­den sind. Be­trof­fen und ge­rührt ver­ließ ich die Kryp­ta, ging zum Au­to und fuhr wei­ter. Ei­ne so deut­li­che An­spra­che hat­te ich na­tür­lich nicht er­war­tet. Was ha­be ich für MM ge­tan? Nicht mehr, als ei­ni­ges über sie in In­ter­net-Fo­ren zu schrei­ben ...

Mir war es in mei­nem Le­ben schon ein paar Mal pas­siert, dass ich beim Be­ten oder in schwie­ri­gen Mo­men­ten Stim­men hör­te. Al­so wuss­te ich, dass ich auf­pas­sen muss­te. Eine Rei­se zu so ho­hen Gei­stern ganz al­lein zu ma­chen - da­bei kann man leicht über­schnap­pen oder pa­ra­no­id wer­den ...

Maria Salome, Maria Jacobe
Skulptur in der Wehrkir-
che von Saintes-Maries-
de-la-Mer         

Wappen von Saintes-Marie-de-la-Mer
Wap­pen von Saintes-Ma­ries-de-la-Mer

Ich fuhr wei­ter nach Saintes-Ma­ries-de-la-Mer, je­nem Ha­fen in der Ca­margue, an dem MM ge­mein­sam mit Ma­ria Sa­lo­me und Ma­ria Ja­co­be in ei­nem Schiff oh­ne Se­gel aus Pa­lä­sti­na an­ge­kom­men sein soll. Also ein be­son­de­rer Ort. Er war nur lei­der voll von Tou­ris­mus-An­ge­bo­ten und mach­te auf mich ei­nen mon­dä­nen, ni­veau­lo­sen Ein­druck, der mich an­streng­te. Die dor­ti­ge Wehr­kir­che ist in­te­res­san­ter­wei­se nicht MM, son­dern nur den bei­den an­de­ren mit ihr rei­sen­den Ma­rias ge­wid­met. Ei­ne Skulp­tur im In­ne­ren der Kir­che zeigt das Schiff mit den bei­den Ma­rias, da­für hängt di­rekt da­rüber ein gro­ßes Ge­mäl­de mit MM. In der Kryp­ta steht die be­rühm­te schwar­ze Sta­tue der Sa­rah, der or­tho­do­xen Tra­di­tion nach die Die­ne­rin MMs, der hä­re­ti­schen nach die Toch­ter von Je­sus und MM. Sa­rah wird von al­len Zi­geu­nern als ih­re Pa­tro­nin ver­ehrt. Je­den 24. Ap­ril pil­gern sie aus al­ler Welt zu ihr hin und wa­ten in Klei­dern ins Was­ser ...

Be­nom­men von all den Ein­drü­cken kam ich wie­der auf den Kirch­platz he­raus, wo ei­ne al­te Zi­geu­ne­rin es schaff­te, mir aus der Hand zu le­sen und € 50.- he­raus zu lo­cken. Was sie sag­te, be­la­ste­te mich emo­tio­nal stark - als ob sie in mei­nen Wun­den wühl­te. Wa­rum war ich so schwach, es zu­zu­las­sen? Mei­nen Ge­dan­ken, wei­ter nach Arques und Rennes-le-Cha­teau zu fah­ren, setz­te ich nicht um, son­dern fuhr die 600 Ki­lo­me­ter zu­rück zum Lac de Vou­glans. Mei­ne Frau war über­rascht, mich schon am zwei­ten Tag nach mei­nem Auf­bruch wie­der zu ha­ben.
 
 

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F U S S N O T E N

1 er­schie­nen 2010, er­hält­lich bei Ama­zon

2 McGO­WAN Kath­leen, The Ex­pec­ted One: A No­vel. Ed. Touch­stone, New York 2007 (eng­lisch); Das Mag­da­le­na-Evan­ge­lium. Ver­lag Ba­stei Lüb­be, Köln 2006 (deutsch)