Mar­tin Dei­nin­ger, mag. et lic. theol.
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Wien, am 4. September 2018

Sg. Herr Ju­stiz­mi­ni­ster
Dr. Jo­sef Mo­ser
Mu­se­um­stra­ße 7
1070 Wien
 

Betrifft: Ehe
 

Sehr ge­ehr­ter Herr Dr. Mo­ser,

be­zug­neh­mend auf ak­tu­el­le Be­mü­hun­gen in Öster­reich, das Er­kennt­nis des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs vom 4.12.2017 um­zu­set­zen, möch­te ich, ur­sprüng­lich Theo­lo­ge und ka­tho­li­scher Prie­ster, jetzt ver­hei­ra­tet und Mit­glied der Ver­ei­ni­gungs­kir­che in Öster­reich, aus sprach­li­cher Sicht an­mer­ken:

Die Ehe kon­sti­tu­iert ihr ei­ge­nes Recht.

Das Recht der Ehe hat Prä­ze­denz vor der staat­li­chen oder kirch­li­chen Ge­setz­ge­bung. Staat oder Kir­che stel­len das Be­ste­hen oder Nicht-Be­ste­hen ei­ner Ehe fest, schaf­fen aber kei­ne Ehe.

Die­ser Um­stand ent­hält Imp­li­ka­tio­nen von ak­tu­el­ler Bri­sanz.

Er im­pli­ziert un­ter an­de­rem, dass es zwi­schen dem, was Ehe ist, und dem, was ei­ne na­tio­na­le Ge­setz­ge­bung un­ter dem In­sti­tut "Ehe" zu­sam­men­fasst, Un­ter­schie­de ak­zi­den­tel­ler oder sub­stan­ziel­ler Art ge­ben kann (nicht muss).

Un­ter­schie­de ak­zi­den­tel­ler Art be­tref­fen nicht das We­sen der Ehe. Man kann sich über sie ver­stän­di­gen und sie aus­räu­men. Sie sind nicht der Grund mei­nes Brie­fes.
Un­ter­schie­de sub­stan­zi­el­ler Art be­tref­fen je­doch das We­sen der Ehe. Sie ha­ben zur Fol­ge, dass zwi­schen dem, was Ehe ist, und dem, was der Ge­setz­ge­ber un­ter "Ehe" zu ver­ste­hen gibt, eine Dif­fe­renz be­steht, über die kei­ne Dis­kus­sion mehr mög­lich ist. So­bald zwei un­ter­schied­li­che Ver­ständ­nis­se ei­nes Kon­zep­tes ei­nan­der aus­schlie­ßen, muss man zu­ge­ben: Wir ver­wen­den ein und das­sel­be Wort für zwei ver­schie­de­ne Din­ge, die nichts mit­ei­nan­der zu tun ha­ben.
Die­se zu­letzt be­schrie­be­ne Art von Un­ter­schie­den scheint mir seit dem Er­kennt­nis des öster­rei­chi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs G 258-259/2017-9 vom 4. De­zem­ber 2017 ge­ge­ben. Es ist der Grund mei­nes Brie­fes. Das Er­kennt­nis wen­det den Be­griff Ehe auf In­hal­te an, die der Ehe fremd sind. Ei­ne Kom­pe­tenz des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs, den Be­griff Ehe mit neu­en In­hal­ten zu fül­len, hal­te ich auf­grund der ein­gangs er­wähn­ten Rechts­prä­ze­denz für nicht ge­ge­ben.

Die Grund­la­gen von Ehe re­flek­tie­rend, kann ich nur sa­gen: We­der Rich­ter­sprü­che noch Ge­set­ze schaf­fen ei­ne Ehe. Ge­set­ze - die in der Re­gel den ak­tu­el­len Stand der Recht­spre­chung be­rück­sich­ti­gen - be­glei­ten das Le­ben der Men­schen, in­dem sie un­ter an­de­rem ...

  1. die Ehe mit Wor­ten be­schrei­ben.
  2. Be­din­gun­gen für die ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung ei­ner Ehe de­fi­nie­ren (Ehe­schlie­ßung am Stan­des­amt, kirch­li­che Ehe­schlie­ßung).
  3. das ge­sell­schaft­li­che Mit­ei­nan­der Ver­hei­ra­te­ter (und de­ren Kin­der) sowie Nicht-Ver­hei­ra­te­ter (und de­ren Kin­der) re­geln.

Ob be­ste­hen­de Ge­set­ze die­se Funk­tio­nen im­mer gut er­fül­len, ist nicht das The­ma. Das The­ma ist, dass we­der Le­gis­la­ti­ve noch Ju­di­ka­ti­ve der Ehe ei­nen ih­rem We­sen frem­den In­halt un­ter­le­gen kön­nen.

Das er­wähn­te Er­kennt­nis vom 4.12.2017 wer­te ich als er­sten Ehe­um­deu­tungs­ver­such welt­weit. Ich schlu­cke es nicht ein­fach - ob­wohl auch ich Rich­ter­sprü­che re­spek­tie­re. Ich schlu­cke es nicht, weil es mög­lich ist, dass ein Rich­ter ei­nen Sach­ver­halt un­sach­ge­mäß be­ur­teilt - viel­leicht in gu­tem Glau­ben, aber mit ei­nem der Sa­che nicht aus­rei­chend ge­recht wer­den­den Wis­sens­stand. Ju­di­ka­tur ist grund­sätz­lich re­vi­dier­bar. Auch kann un­ser Na­tio­nal­rat bei ent­spre­chen­der Mehr­heit dies­be­züg­lich sei­ne ei­ge­ne Vor­gangs­wei­se be­schlie­ßen.

Nach ein­ge­hen­der Lek­tü­re des Er­kennt­nis­ses und aus­führ­li­cher Aus­ei­nan­der­set­zung mit dem The­ma Ehe be­strei­te ich ent­schie­den, dass ein das We­sen der Ehe gar nicht be­rüh­ren­des Ar­gu­ment wie "Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Orien­tie­rung" (kommt ur­sprüng­lich aus dem Ar­beits­recht) aus­rei­che, der Wort­fol­ge "ver­schie­de­nen Ge­schlechts" in § 44 ABGB die Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit ab­zu­spre­chen. Das We­sen der Ehe kann, wie ge­sagt, von Ge­set­zen - al­so auch vom ABGB - nur be­schrie­ben, nicht de­fi­niert wer­den. Ein neu­es, tie­fe­res Ver­ständ­nis der Ehe selbst könn­te den Ge­setz­ge­ber al­len­falls ver­an­las­sen, die­se Be­schrei­bung zu än­dern, ein an­de­ren Rechts­be­rei­chen zu­ge­hö­ren­der Sinn­zu­sam­men­hang nicht.

Auf den nach­fol­gen­den sechs Sei­ten un­ter­mau­ere ich dies ar­gu­men­ta­tiv.

Ich ver­blei­be hoch­ach­tungs­voll Ihr

Martin Deininger
 
 

BE­STREI­TUNG DER GÜL­TIG­KEIT DER VOM ER­KENNT­NIS G 258-259/2017-9 DES
VER­FAS­SUNGS­GE­RICHTS­HOFS VOM 4. 12. 2017 VOR­GE­LEG­TEN AR­GU­MEN­TA­TION

1. Ety­mo­lo­gie von "Ehe"
Ehe ist ein Ur­wort, das nicht aus an­de­ren Wör­tern ent­stan­den ist. Seit vie­len tau­sen­den Jah­ren blieb es so gut wie un­ver­än­dert.
Al­te Spra­chen ha­ben da­für ein ein­sil­bi­ges ge­schlos­se­nes lan­ges ē - ge­schrie­ben als ā, ē, ee, eh, ēo, ēu, æ, æw u.a.
Der Be­deu­tungs­ge­halt des lan­gen ē ist tief und ge­wich­tig. Wir soll­ten die­sen Laut auf uns wir­ken las­en und da­rüber nach­den­ken. Ich brin­ge hier­zu ein be­kann­tes Zi­tat von Fried­rich Rü­ckert, der in "Eh" die Wur­zel der deut­schen Spra­che sieht:

Eh ("vor") ist das, was vor al­lem ist, was frü­her ("eher") ist als al­les: Ehig ewig. Wenn aber die Mensch­heit die­ses ide­el­le gött­li­che Leben, Eh, aus der un­be­grenz­ten Zeit in ihr ei­ge­nes Le­ben he­rab­zieht, so wird aus Eh Ehe, der Ehe­stand [ma­tri­mo­nium]. Wie Eh die Be­zie­hung der Mensch­heit zum Gött­li­chen ist, so ist Ehe die Be­zie­hung der Mensch­heit zu sich selbst. Und die Ehe ist von Gott ein­ge­rich­tet, weil Ehe das gött­li­che Eh ist, das zur Mensch­heit he­rab­steigt. Wie aber die Mensch­heit den Du­alis­mus un­ter­ei­nan­der und zu­gleich die Ein­heit aus die­sem Du­a­lis­mus in der Ehe er­kann­te, so nann­te sie aus die­sem Du­a­lis­mus (in­dem sie das ei­ne in Ge­gen­satz zum an­de­ren setz­te) die­sen Ge­gen­satz zu Eh das Ich. Ich ist die Mensch­heit, die sich be­trach­tet, als stün­de sie in Ge­gen­satz zur Mensch­heit und zum Uni­ver­sum (Eh). Ich ist so aus Eh ent­wi­ckelt, daß je­nes flach ar­ti­ku­lier­te e in das scharf ar­ti­ku­lier­te i, und das flach ar­ti­ku­lier­te h in das scharf ar­ti­ku­lier­te ch ver­wan­delt wur­de; da­her ist Ich das Eh, das aus sei­ner Uni­ver­sa­li­tät (e und h) in die äu­ßer­ste Spe­zi­fi­zie­rung ein­ge­schränkt (i und ch) und von al­len Sei­ten scharf ab­ge­grenzt und gleich­sam schroff ab­ge­bro­chen ist. - Der Spöt­ter La­chen un­ter­blei­be! Die Sa­che ist es wert, dass man sie ernst­haft be­hand­le.1

Nach Rü­ckert er­kennt al­so der Mensch so­wohl ...
   1. die Po­la­ri­tät2 als auch
   2. die Ein­heit die­ser Po­la­ri­tät in der Ehe.
We­gen bei­dem - Po­la­ri­tät und Ein­heit der Po­la­ri­tät - er­strebt der Mensch die Ehe. Man­che sa­gen: Der Mensch ist erst in Ehe ganz.
Ich möch­te Rü­ckerts Ge­dan­ken an­ge­sichts heu­te gras­sie­ren­der Gen­der-Ideo­lo­gien zu­spit­zen: Mit­hil­fe des an­ders­ge­schlecht­li­chen Part­ners über­steigt der Mensch sei­ne ei­ge­nen Gren­zen auf die hö­he­re Ein­heit hin - Ein­heit, von der je­der Mensch kommt, und Ein­heit, die sich im even­tu­ell ent­ste­hen­den Kind ma­ni­fe­stiert. Die Ehe ist al­so das ech­te "Trans­gen­der", das Über­stei­gen des ei­ge­nen Ge­schlech­tes auf die hö­he­re Ein­heit hin.
 

2. Der Ge­dan­ken­gang des Er­kennt­nis­ses des Verfassungsgerichtshofs vom 4.12.2017
Un­ter der Vo­raus­set­zung des bis­her Ge­sag­ten und nach mei­nem Hi­nein­mü­hen in die für mich als ju­ri­sti­schen Lai­en schwie­rig zu ver­ste­hen­de Spra­che des Er­kennt­nis­ses be­schrei­be ich hier den Ar­gu­men­ta­tions­weg des Er­kennt­nis­ses.
Er kul­mi­niert in der Er­klä­rung, ver­schie­den- und gleich­ge­schlecht­li­che Be­zie­hun­gen stün­den recht­lich gleich. Drei ge­dank­lich auf­ei­nan­der auf­bau­en­de Schrit­te ge­hen der Er­klä­rung vo­raus und füh­ren zu ihr hin. Das macht ins­ge­samt vier Schrit­te.

Er­ster Schritt:

3. Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof geht wei­ters vor­läu­fig da­von aus, dass die in der in § 44 ABGB in Prü­fung ge­zo­ge­nen Wort­fol­ge zum Aus­druck kom­men­de Vor­aus­set­zung der Ver­schie­den­ge­schlecht­lich­keit für den Zu­gang zur Ehe in ei­nem un­trenn­ba­ren Zu­sam­men­hang mit dem EPG steht, das die Gleich­ge­schlecht­lich­keit in den §§ 1, 2 und 5 Abs. 1 Z 1 EPG für den Zu­gang zur ein­ge­tra­ge­nen Part­ner­schaft zur Vo­raus­set­zung hat.3

Als er­stes Glied der Ge­dan­ken­ket­te po­stu­liert das Er­kennt­nis ei­nen "un­trenn­ba­ren Zu­sam­men­hang" zwi­schen ei­ner Vor­aus­set­zung für die Ehe - die Ver­schie­den­ge­schlecht­lich­keit - und ei­ner Vor­aus­set­zung für die Ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaft ( = EP) - die Gleich­ge­schlecht­lich­keit.

Zwei­ter Schritt:
Das näch­ste Glied un­ter­mauert die Un­trenn­bar­keit die­ses Zu­sam­men­han­ges durch das Auf­zäh­len des­sen, was Ehe und EP "ver­gleich­bar" macht:

Drit­ter Schritt:
Das Er­kennt­nis fol­gert als näch­sten Schritt:

"Dem­ent­spre­chend dürf­te nach der gel­ten­den Rechts­la­ge auf Grund der dar­ge­stell­ten Ent­wick­lung (...) ei­ne weit­ge­hen­de recht­li­che Gleich­stel­lung ver­schie­den- und gleich­ge­schlecht­li­cher Paa­re be­ste­hen."9

Ge­gen die­se er­sten drei Ar­gu­men­ta­tions­schrit­te des Er­kennt­nis­ses ...

  1. "un­trenn­ba­rer Zu­sam­men­hang" zwi­schen Ehe­ge­setz und EP,
  2. Ver­gleich­bar­keit von Ehe und EP und
  3. recht­li­che Gleich­stel­lung von ver­schie­den- und gleich­schlecht­li­chen Be­zie­hun­gen

... habe ich for­mal nichts ein­zu­wen­den. Mir fie­len zwar Ein­wän­de ge­gen den "un­trenn­ba­ren Zu­sam­men­hang"10 und ge­gen die Wort­wahl "weit­gehende recht­li­che Gleich­stel­lung" ein11, die aber nicht grund­sätz­li­cher Art und so­mit aus­räum­bar wä­ren. Nicht mehr mit­ge­hen kann ich je­doch beim nun fol­gen­den vier­ten Schritt.

Vier­ter Schritt:
Das Er­kennt­nis geht im letz­ten Schritt sei­ner Ar­gu­men­ta­tion da­zu über, ver­schie­den- und gleich­ge­schlecht­li­che Be­zie­hun­gen nicht mehr nur als in meh­re­ren Punk­ten ver­gleich­bar, nicht mehr nur als weit­ge­hend recht­lich gleich­ge­stellt, son­dern als grund­sätz­lich gleich hin­zu­stel­len:
Es räumt ein, dass der Ge­setz­ge­ber des­halb zwei ver­schie­den be­nann­te In­sti­tu­te ge­schaf­fen ha­be, weil er das in Ehe und EP Er­fass­te eben als "Un­glei­ches"12 an­sah. Die­ses "Un­glei­che" er­se­he der Ge­setz­ge­ber aus dem Um­stand, dass "die Ehe (...) auf die El­tern­schaft hin aus­ge­rich­tet ist", je­doch "gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren lan­ge Zeit ge­ra­de kei­ne ge­mein­sa­me El­tern­schaft mög­lich war"13.
Das Bei­be­hal­ten un­ter­schied­lich be­nann­ter Rechts­in­sti­tu­te füh­re aber, so das näch­ste Ar­gu­ment des Er­kennt­nis­ses, zu Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Orien­tie­rung:

Wie die wei­te­re Rechts­ent­wick­lung ge­zeigt hat, lässt sich die­se Dif­fe­ren­zie­rung [ge­meint ist die in Ehe und EP; Anm. von mir] nicht auf­recht­er­hal­ten, oh­ne gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re un­zu­läs­sig im Hin­blick auf ih­re se­xu­el­le Orien­tie­rung zu dis­kri­mi­nie­ren.14

Dis­kri­mi­nie­rungs­ge­fahr tre­te ein, so­bald ein Mensch mit der Be­kannt­ga­be sei­nes Fa­mi­lien­stan­des sei­ne se­xu­el­le Orien­tie­rung of­fen­le­ge und da­für von Mit­men­schen als min­der­wer­tig ein­ge­stuft wer­den könn­te. Die­ser Ge­fahr kön­ne nur durch Un­ter­brin­gung bei­der Ar­ten von Be­zie­hun­gen in ei­nem ein­zi­gen Rechts­in­sti­tut - der Ehe - be­geg­net wer­den. Da bei­de Ar­ten von Be­zie­hun­gen oh­ne­hin "in ihrem We­sen (...) grund­sätz­lich gleich" sei­en und "in­ten­tio­nal von den glei­chen Wer­ten ge­tra­gen sind", sei­en Grün­de für das Auf­recht­er­hal­ten der Dif­fe­ren­zie­rung in un­ter­schied­li­che In­sti­tu­te nicht mehr ge­ge­ben:

Vor dem Hin­ter­grund ei­ner bis in die jüng­ste Ver­gan­gen­heit rei­chen­den recht­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung von Per­so­nen gleich­ge­schlecht­li­cher se­xu­el­ler Orien­tie­rung dürf­te das Auf­recht­er­hal­ten un­ter­schied­li­cher Rechts­in­sti­tu­te, ver­bun­den mit un­ter­schied­li­chen Be­zeich­nun­gen, für sonst in ih­rem We­sen und ih­rer Be­deu­tung für den in­di­vi­du­el­len Men­schen grund­sätz­lich glei­che Be­zie­hun­gen in er­ster Li­nie ei­nen dis­kri­mi­na­to­ri­schen Ef­fekt ha­ben (...). Mit dem un­ter­schied­li­chen Rechts­in­sti­tut und der un­ter­schied­li­chen Be­zeich­nung dürf­te öf­fent­lich und für je­de Per­son deut­lich ge­macht wer­den, dass die von der ein­ge­tra­ge­nen Part­ner­schaft er­fass­te per­so­na­le Be­zie­hung zwi­schen zwei Per­so­nen glei­chen Ge­schlechts et­was an­de­res - nach frü­he­rem Ver­ständ­nis 'min­de­res' - ist als die Ehe zwi­schen Per­so­nen ver­schie­de­nen Ge­schlechts, ob­wohl bei­de Be­zie­hun­gen in­ten­tio­nal von den glei­chen Wer­ten ge­tra­gen sind.
Selbst bei ei­ner von den Vo­raus­set­zun­gen und den Rechts­fol­gen her völ­lig glei­chen recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der bei­den Rechts­in­sti­tu­te dürf­te die Bei­be­hal­tung der un­ter­schied­li­chen Be­zeich­nung zum Aus­druck brin­gen, dass Per­so­nen mit gleich­ge­schlecht­li­cher se­xu­el­ler Orien­tie­rung un­ter dem Blick­win­kel des Gleich­heits­grund­sat­zes eben nicht gleich den Per­so­nen mit ver­schie­den­ge­schlecht­li­cher Orien­tie­rung sind. Dies dürf­te sich auf den er­sten Blick auch schon da­rin zei­gen, dass durch die un­ter­schied­li­che Be­zeich­nung des Sta­tus ('ver­hei­ra­tet' ver­sus 'ver­part­nert') Per­so­nen in ei­ner gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaft auch in Zu­sam­men­hän­gen, in de­nen die se­xu­el­le Orien­tie­rung kei­ner­lei Rol­le spielt und spie­len darf, die­se of­fen­le­gen müs­sen und an­ge­sichts der hi­sto­ri­schen Ent­wick­lung Ge­fahr lau­fen, dis­kri­mi­niert zu wer­den.15

Ab­ge­se­hen von der Un­zu­läs­sig­keit des Schrit­tes, auf­grund von Dis­kri­mi­nie­rungs­ge­fahr die Ehe für bei­de Ar­ten von Be­zie­hun­gen zu öff­nen, fal­len mir fol­gen­de sprach­li­che Un­schär­fen in der For­mu­lierung auf, die aus­rei­chen, um die Ar­gu­men­ta­tion zu dis­qua­li­fi­zie­ren:

  1. Ver­schie­den- und gleich­ge­schlecht­li­che Be­zie­hun­gen sei­en "in ih­rem We­sen und ih­rer Be­deu­tung für den in­di­vi­du­el­len Men­schen grund­sätz­lich glei­che Be­zie­hun­gen".
    Ih­rem We­sen nach gleich? Die hier an­ge­spro­che­nen Be­zie­hun­gen schei­nen mir we­sent­lich ver­schie­den, al­so ge­ra­de nicht gleich, zu sein. Ich brau­che das, glaube ich, hier nicht me­di­zi­nisch-bio­lo­gisch zu be­le­gen.
     
  2. "Nach frü­he­rem Ver­ständ­nis" sei ei­ne gleich­ge­schlecht­li­che Be­zie­hung et­was "'min­de­res'" als "die Ehe zwi­schen Per­so­nen ver­schie­de­nen Ge­schlechts".
    Das Re­kla­mie­ren von Min­der­wer­tig­keit "nach frü­he­rem Ver­ständ­nis" im­pli­ziert Nicht-Min­der­wer­tig­keit nach jet­zi­gem Ver­ständ­nis. Wa­rum soll­te der Ge­setz­ge­ber auf ein frü­he­res Ver­ständ­nis noch Rück­sicht neh­men müs­sen? Er woll­te mit der Ein­füh­rung der EP ganz si­cher nicht "öf­fent­lich und für je­de Per­son deut­lich" ma­chen, dass die Be­zie­hung ih­rer Kon­tra­hen­ten der Ehe ge­gen­über min­der­wer­tig ist. Das Er­kennt­nis er­zeugt hier ei­nen von der Re­a­li­tät nicht ge­deck­ten Po­panz.
     
  3. "... bei­de Be­zie­hun­gen in­ten­tio­nal von den glei­chen Wer­ten ge­tra­gen sind."
    Von der For­mu­lie­rung, bei­de Be­zie­hun­gen wä­ren ih­rem We­sen nach gleich (sie­he oben Punkt 1.), ist es nicht mehr weit da­zu, sie auch von den glei­chen Wer­ten ge­tra­gen zu se­hen. Nun ist das Er­ste aber nicht der Fall, da­her auch das Zwei­te hin­fäl­lig.
     
  4. Die Bei­be­hal­tung zwei­er ver­schie­de­ner be­nann­ter Rechts­in­sti­tu­te brin­ge zum Aus­druck, "dass Per­so­nen mit gleich­ge­schlecht­li­cher se­xu­el­ler Orien­tie­rung un­ter dem Blick­win­kel des Gleich­heits­grund­sat­zes eben nicht gleich den Per­so­nen mit ver­schie­den­ge­schlecht­li­cher Orien­tie­rung sind". Da­mit lau­fen Per­so­nen in Si­tu­a­tio­nen, in de­nen sie ih­ren Fa­mi­lien­stand of­fen­le­gen müs­sen, "Ge­fahr", auf­grund ih­rer se­xu­el­len Orien­tie­rung "und an­ge­sichts der hi­sto­ri­schen Ent­wick­lung" "dis­kri­mi­niert zu wer­den".
    Da­zu ge­be ich zu be­den­ken, dass se­xu­el­le Orien­tie­rung al­lei­ne kei­ne recht­li­che Ka­te­go­rie ist. Erst Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Orien­tie­rung ist ei­ne. So ist auch Haar­far­be kei­ne, Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von Haar­far­be aber schon.
    Wei­ters möch­te ich an­mer­ken, dass se­xu­el­le Orien­tie­rung, die nicht in Hand­lun­gen aus­ge­lebt wird, nicht zu Dis­kri­mi­nie­rung füh­ren kann. Im Ge­gen­teil: Se­xu­el­le Nei­gun­gen - egal wel­cher Rich­tung - aus Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein nicht aus­zu­le­ben, son­dern zu trans­for­mie­ren bzw. zu sub­li­mie­ren (wo­zu mehr als nur die ei­ge­ne Kraft nö­tig ist), führt in der Re­gel zu Re­spekt, Hoch­ach­tung und Er­folg im Le­ben. Wir soll­ten da­her zu­ge­ben, dass der Be­griff "Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Orien­tie­rung" in­halt­lich "Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Ak­ti­vi­tät" meint.
    Die Be­hand­lung von Un­glei­chem als un­gleich durch den Ge­setz­ge­ber ist kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung. Nicht der Ge­setz­ge­ber dis­kri­mi­niert, son­dern ein­zel­ne In­di­vi­du­en tun dies, wenn sie an­de­re Men­schen in Si­tu­a­tio­nen, in de­nen der Fa­mi­lien­stand kei­ne Rol­le spie­len darf, we­gen ih­res Fa­mi­lien­stan­des un­ter­schied­lich be­han­deln - bei­spiels­wei­se Be­rufs­chan­cen un­ter­schied­lich ver­ge­ben.
    Und zu­letzt: Das Ar­gu­ment, die "hi­sto­ri­sche Ent­wick­lung" wür­de zu Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Orien­tie­rung füh­ren, ist an­fecht­bar, weil ge­nau­so­gut das Ge­gen­teil zu­tref­fen kann.

So ist nun die im vier­ten Schritt kul­mi­nie­ren­de Struk­tur des Er­kennt­nis­ses ...

  1. "un­trenn­ba­rer Zu­sam­me­nhang" zwi­schen Ehe­ge­setz und EP
  2. Ver­gleich­bar­keit von Ehe und EP
  3. recht­li­che Gleich­stel­lung ver­schie­den- und gleich­ge­schlecht­li­cher Be­zie­hun­gen
  4. we­sent­li­che Gleich­heit ver­schie­den- und gleich­ge­schlecht­li­cher Be­zie­hun­gen

... do­ku­men­tiert.

Das Er­kennt­nis er­klärt auf der Grund­la­ge die­ser Ar­gu­men­ta­tion die er­wähn­te Wort­fol­ge in § 44 ABGB für ver­fas­sungs­wid­rig, schlägt die Öff­nung der Ehe für al­le un­ab­hän­gig vom Ge­schlecht und die Ab­schaf­fung der EP vor.

Ich glau­be ge­zeigt zu ha­ben, dass es da­bei vor Un­lo­gik nicht zu­rück­schreckt, den Bo­den ver­läss­li­cher Ar­gu­men­ta­tion ver­lässt und der Will­kür Raum gibt. Es bie­tet nicht Orien­tie­rung. Ei­ne Ge­setz­ge­bung, die die mensch­li­che Re­a­li­tät adä­quat be­schreibt, so­dass sie von den Bür­gern ernst ge­nom­men wer­den kann, tut wahr­lich not.
 

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F U S S N O T E N

1 Fried­rich Rü­ckert, Dis­ser­ta­tio phi­lo­lo­gi­co-phi­lo­so­phi­ca de idea phi­lo­lo­giae, Je­na 1811, § 14, in der Über­set­zung von Clau­dia Wie­ner in: dies., Fried­rich Rü­ckerts "De idea phi­lo­lo­giae" als dich­tungs­the­o­re­ti­sche Schrift und Le­bens­pro­gramm. Schwein­furt 1994, 173-285. Ori­gi­nal:
Quod­si Eh, quo­ad ele­men­ta sua, simp­li­cis­si­mum est, aequi­tur, idem et quoad ide­am su­am de­be­re esse sim­pli­cis­si­mum, adeo­que ex­pri­me­re id, quod in re­rum na­tu­ra an­te om­nes evo­lu­tio­nes po­si­tum est, aeter­num, το ειναι προ του ειναι, ip­sam di­vi­ni­ta­tem, ip­sam vi­tam idea­lem. Eh (an­te) est, quod est an­te om­nia, quod est prius (eh) quam om­nia. Ehig Ewig. Quod­si hanc vi­tam idea­lem et di­vi­nam, Eh, humni­tas ex in­fi­ni­to tem­po­re in su­am ip­sius vi­tam de­tra­hit, ex Eh fit Ehe, ma­tri­mo­nium. Ut Eh est re­la­tio hu­ma­ni­ta­tis ad di­vi­num, sic Ehe re­la­tio hu­ma­ni­ta­tis ad se ip­sam; et ma­tri­mo­nium a deo in­sti­tu­tum est, quia Ehe est Eh di­vi­num, quod in hu­ma­ni­ta­tem de­scen­dit. Si­cut autem hu­ma­ni­tas su­am in­ter se dup­li­ci­ta­tem et si­mul ex dup­li­ci­ta­te al­te­rum al­te­ri op­po­nens, hanc op­po­si­tio­nem ex Eh ap­pal­la­vit Ich. Ich est hu­ma­ni­tas, quae se tam­quam hu­ma­ni­ta­ti (Ehe) et tam­quam uni­ve­rso (Eh) op­po­si­tam in­tu­e­tur. Ich ex Eh sic trans­for­ma­tum est, ut pla­num il­lud e in acu­tum i, et pla­num h in acu­tum ch mu­ta­re­tur; hinc Ich est Eh, ex uni­ver­sa­li­ta­te sua (e et h) in spe­cia­li­ta­tem ma­xi­me re­stric­tum (i et ch), un­di­que ac­ri­ter prae­clu­sum qua­si et prae­rup­tum. Sed si­mul at­que Ich cog­no­vit, se ni­hil es­se ni­si li­mi­ta­tum Eh, li­mi­tes hos rum­pens, op­po­si­tio­ne om­ni sub­la­ta, in uni­ta­tem re­dit cum uni­ver­so Eh. - Ab­sit ri­sus pro­fa­no­rum! Res est dig­na, quae se­rio trac­te­tur.

2 "Po­la­ri­tät" gibt heut­zu­ta­ge das Ori­gi­nal "dup­li­ci­tas" (wört­lich so viel wie Dop­pelt­heit, Dup­li­zi­tät) adä­qua­ter wie­der als Clau­dia Wie­ners Über­set­zung "Du­a­lis­mus".

3 Er­kennt­nis S. 3 (Ent­schei­dungs­grün­de I. 3.3.)

4 Er­kennt­nis S. 4 (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.4.1.)

5 ebd.

6 ebd. (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.4.2.)

7 Er­kennt­nis S. 5 (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.4.3.)

8 ebd. (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.5.1.)

9 Er­kennt­nis S. 6 (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.5.2. letzter Absatz)

10 Das Er­kennt­nis "geht vor­läu­fig da­von aus". Er­wie­sen ist der Zu­sam­men­hang nicht. Er wird po­stu­liert.

11 Ent­we­der ist etwas gleich­ge­stellt oder es ist nicht gleich­ge­stellt. Ter­tium non da­tur. Wie weit ei­ne "weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung" über­haupt ei­ne Gleich­stel­lung ist, bleibt of­fen.

12 Er­kennt­nis S. 6 (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.5.3.)

13 Er­kennt­nis S. 6 (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.5.2.)

14 ebd.

15 Er­kennt­nis S. 6f (Ent­schei­dungs­grün­de I. 4.5.3.)