Liebe/r ...,

ich ha­be ge­ra­de et­was Zeit und bre­che mit mei­ner bis jetzt durch­ge­hal­te­nen Ge­wohn­heit, kei­ne Weih­nachts­post zu schrei­ben.

Ein Grund da­für ist, dass nicht nur mein Al­ter, son­dern auch die Weih­nachts­bil­lets in un­se­ren Schub­la­den, die wir je­des Jahr aus den uns ins Haus flat­tern­den Bet­tel­brie­fen ka­ri­ta­ti­ver Or­ga­ni­sa­tio­nen fi­schen, zu­ge­nom­men ha­ben. Die Er­lag­schei­ne wer­fen wir mei­stens weg, aber die Weih­nachts­bil­lets nicht.
Ein wei­te­rer Grund mei­nes Ab­rü­ckens von mei­ner Ab­scheu vor Weih­nachts­post ist das neue Jahr: 2017 bil­det die Zif­fern­sum­me 10, was Neu­be­ginn be­deu­tet.

So ge­bar ich denn die Idee zu die­sem von Dir so­eben in Hän­den ge­hal­te­nen Weih­nachts­brief. Er liegt ein­ge­klemmt in ei­nem von mir mit­tels Zu­falls­ge­ne­ra­tor völ­lig un­ma­ni­pu­liert schick­sal­haft für Dich aus­ge­wähl­ten Weih­nachts­bil­let. Der Brief­text ist nicht spe­ziell auf Dei­ne Si­tu­a­tion ge­münzt, al­so nimm ger­ne, was Du da­von brau­chen kannst, was nicht, ver­giss.

Bei Weih­nach­ten geht es um den Be­ginn ei­nes neu­en Jah­res­zy­k­lus. Ich müs­se das nicht ei­gens er­wäh­nen, magst Du ein­wen­den, weil man es ja kennt: "... same pro­ce­dure as eve­ry year" - frei nach "Din­ner for one".
Ich se­he das, mit Ver­laub, nicht so alt­ge­wohnt. Ein Zeit- oder Le­bens­zy­k­lus ist kei­ne Wie­der­kehr von schon Da­ge­we­se­nem, son­dern die Rück­kehr zum Ur­sprung zwecks neu­en Auf­bruchs. Die zy­k­li­sche Per­spek­ti­ve kommt dem Le­ben nä­her als die li­ne­ar-chro­no­lo­gi­sche. Der Le­bens­kreis­lauf der Na­tur vom Ent­ste­hen über die vol­le Ent­fal­tung zum Ver­ge­hen ist ein­ge­bet­tet in das grö­ße­re Gan­ze und ent­hält das Ele­ment der "Re­pri­sti­nie­rung", des Wie­der­er­lan­gens des Ur­zu­stan­des. Sogar die EU hat un­längst in An­leh­nung an die Na­tur die "Cir­cu­lar Eco­no­my" lan­ciert, die In­du­strie­pro­duk­te in ei­nen grö­ße­ren Re­cy­clage-Kreis­lauf ein­bet­tet.

Die­ser Weih­nachts­brief will al­so zy­k­lisch sein. Keine Angst, ich will Dir nicht ab jetzt je­des Jahr zu Weih­nach­ten schrei­ben. Son­dern ich will beim na­tür­li­chen Zy­k­lus der Er­de im Ver­band mit den üb­ri­gen Him­mels­kör­pern an­set­zen, der mich im­mer neu fas­zi­niert und in Span­nung ver­setzt.
Die Stel­lung der Ro­ta­tions­ach­se der Er­de zu ih­rer Um­lauf­bahn um die Sonne weicht um et­wa 23° vom rech­ten Win­kel ab. Da­raus re­sul­tie­ren so­wohl die Wit­te­rungs­dif­fe­ren­zen der Jah­res­zei­ten als auch die va­ri­ie­ren­den Ta­ges- und Nacht­län­gen (in un­se­ren Brei­ten et­wa acht Stun­den).
Un­ter den bei­den Ex­tre­men (Son­nen­wen­den) und den bei­den Glei­chen (Äqui­nok­tien) hat die Win­ter­son­nen­wen­de psy­cho­lo­gisch den größ­ten Im­pakt, da sie den Um­schwung von ei­ner dunk­len, kal­ten in ei­ne hel­le, war­me Zeit mar­kiert. Seit je­her ha­ben wir al­le am Win­ter lei­den­den Ge­mü­ter mit Ker­zen und Lie­dern, Ge­schich­ten und Kek­sen auf­ge­hei­tert, und das nicht erst, seit die rö­mi­sche Stadt­ver­wal­tung ih­re An­ge­stell­ten an­läss­lich der Sa­tur­na­lien mit Ge­schen­ken be­dach­te. Wir wa­ren schon frü­her da.

Weih­nach­ten ist aber nicht nur Psy­cho­lo­gie, son­dern auch Land­wirt­schaft. Man sät und ern­tet bei uns das Ge­trei­de ein­mal pro Jahr und setzt so die Nah­rungs­ket­te für Mensch und Vieh in Gang. Da­ran hän­gen auch an­de­re Wirt­schafts­zwei­ge, die öf­fent­li­che Ver­wal­tung und nicht zu­letzt die kirch­li­che Li­tur­gie. Weih­nach­ten ist das Fest der Wirt­schaft - wie je­dem, der in Wien durch ei­ne ad­vent­lich ge­schmück­te Ge­schäfts­stra­ße wan­dert, im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes ein­"leuch­tet".

So weit, so fad. Ei­gent­lich. Die Zeit, die ha­ben wir ir­gend­wann er­fun­den, und Er­fin­dun­gen mag ich mich nicht un­ter­wer­fen. Wa­rum soll ich je­des Mal in die­sem Rhyth­mus, der nicht von mir stammt, hüp­fen? Es gibt ja gar kei­ne Zeit. Wir le­ben im Jetzt. Im ewi­gen Jetzt. Die Ver­gan­gen­heit ist vor­bei, die Zu­kunft noch nicht da. Also le­ben wir aus­schließ­lich jetzt! Wo­zu sich in Scha­b­lo­nen zwän­gen?

Weißt Du was? Ganz stimmt das nicht. Zwar ha­ben wir die Zeit­ein­tei­lung er­fun­den, das ja. Aber die Zeit als sol­che muss mir je­mand ge­schenkt ha­ben, da ich stän­dig Zeit ha­be - für mei­ne flei­ßi­ge Frau, mei­ne ge­plag­ten Kin­der, mei­ne Freun­de, mei­ne Hob­bies, die­sen Weih­nachts­brief ... Ich wer­de mir für das Neue Jahr vor­neh­men, Zeit dem zu wid­men, von dem ich spü­re, dass es in der Jetzt­zeit wich­tig und wert­voll ist. Ich sto­cke. Ich spü­re, dass das Ge­schenk der Zeit ein per­sön­li­ches The­ma ist - Zeit zur Um­kehr! - und gebe dem Raum ...

Zu Weih­nach­ten gibt es den spe­ziel­len Au­gen­blick, an dem die Ener­gie des al­ten Jah­res in sich zu­sam­men­fällt und das neue Jahr noch nicht da ist. Das ist der Au­gen­blick der Stil­le, wohl der still­sten Stil­le, die es ge­ben kann. In die­ser Stil­le spürst Du - gar nichts. Der Lärm des al­ten Jah­res hallt noch ei­ne Wei­le in Dir nach, ver­ebbt aber und ver­stummt. Dann ist Stil­le. "Stil­le Nacht" be­gann man in Salz­burg zu sin­gen und singt es jetzt über­all. Du schwingst dann wie sonst nie im kos­mi­schen Rhyth­mus. Ir­gend­wann merkst Du, dass Du in ei­ne neue Um­dreh­ung ein­ge­tre­ten bist und möch­test spü­ren, wie sich das Neue an­fühlt. Das ist dann der Au­gen­blick, an dem Du ge­bo­ren bist. Das Kind. Das Jahr.

Mo­ment mal, sagst Du viel­leicht, wir fei­ern doch die Ge­burt des Kin­des in der Krip­pe, Je­sus, und nicht mei­ne. Doch, sa­ge ich. So­fern Du die (im­mer­hin vom hei­li­gen Franz von As­si­si po­pu­la­ri­sier­te) Krip­pen­sze­ne ak­zep­tierst, bist Du das Kind da­rin, und das Kind ist das Jahr. Leug­nen ist zweck­los. Ich lass' das ein­mal so ste­hen.

Je­der weiß, dass Je­sus Chri­stus nicht am 25. De­zem­ber ge­bo­ren wur­de. Glaubt man den frü­hen Kir­chen­vä­tern, wur­de Je­sus im März oder Ap­ril ge­bo­ren und Jo­han­nes der Täu­fer ein hal­bes Jahr vor­her. Dem­zu­fol­ge re­prä­sen­tier­te Je­sus Hel­lig­keit und sprie­ßen­des Le­ben, Jo­han­nes hin­ge­gen Dun­kel­heit und Ver­wel­ken - ein Bild für den pflanz­li­chen Jah­res­zy­k­lus in Form ei­nes Hell-Dun­kel-Kon­tra­stes, wie Hei­li­ge Schrif­ten ihn lie­ben. Wie hi­sto­risch das al­les ist, weiß ich nicht. Nütz­lich ist es je­den­falls für Man­ches.

Wenn's al­so nicht Je­su Ge­burts­tag ist, kann's ja nur Dei­ner so­wie all de­rer, mit de­nen Du fei­erst, sein - und der des neu­en Jah­res, das Du bist oder wir sind, und al­lem, dem wir es wid­men.

Herz­li­chen Glück­wunsch!

Baeume